Ich bin gerade eine ziemliche Belastung – zumindest für das Gesundheitssystem. Seit im April bei mir akuter Thrombozytenmangel festgestellt wurde, muss ich Medikamente nehmen, die die Produktion meiner Thrombis, wie Luise und ich sie liebevoll nennen, künstlich anregen, weil mein Blut das selber nicht mehr gebacken kriegt. Diese Medikamente verschlingen Unsummen an Kosten: das Kortison am Anfang war noch billig, bewirkte aber nichts. Mittlerweile bekomme ich eine „nplate“-Spritze, die satte 4000 Euro Kosten verursacht – jeden Monat.
Mittlerweile darf ich mich auch selber spritzen. Einmal habe ich dabei einen Fehler gemacht und die Lösung mit Sterilwasser lief daneben. Da ich mir über die hohen Kosten bewusst war, bin ich zur nächsten Apotheke gefahren und habe dort kostenlos neues Sterilwasser bekommen, um das teure Medikament doch noch nutzen zu können und nicht für unnötige Verschwendung gesorgt zu haben.
Ich habe dem Gesundheitssystem im letzten halben Jahr wahrscheinlich mehr Geld gekostet als in meinem gesamten letzten Lebensjahrzehnt. Das löst in mir ein mulmiges Gefühl aus – ich fühle mich wie eine Bürde, verursache gerade und vielleicht auch zukünftig deutlich mehr Kosten als ich einzahle. Als ich diesen Gedanken mit meinem Freunden geteilt habe, habe ich wie zu erwarten beschwichtigende und entlastende Antworten bekommen: „Das ist doch der Sinn des Solidarsystems.“ „Genau dafür gibt es Versicherungen.“ Das ist mir natürlich alles klar, aber trotzdem fühlte es sich besser an, eine Beitragsrückerstattung aus dem Jahr zuvor zu bekommen, weil ich keine Arztrechnungen eingereicht habe. Ich war nicht der mit den Problemen, hatte keinen großen gesundheitlichen Fußabdruck.
Beim Bafög hat es sich noch recht gut angefühlt, zumindest einen Teil des Studienkredits zurückzahlen zu können. Der Gedanke: Der Staat hat mich beim Studium unterstützt, jetzt gebe ich was zurück. Bei meinen astronomischen Arzneischulden ist das anders: diese werde ich niemals zurückzahlen müssen und auch nicht können. Warum ich überhaupt solche Vergleiche und Gedanken anstelle? Ich bette mein Handeln und meine Wirkung gerne gedanklich in größere Systeme ein. Ich bin lieber der, der seine kranken Kollegen vertritt als der, der Vertretungen verursacht. Ich möchte mehr Gutes hinterlassen als Arbeit gemacht zu haben.
Bürde-Bilanz beim Klimaschutz
Dieses Gefühl, sich als Last zu erleben, zeigt sich nicht nur bei Krankheit, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen. In einer gewissen Weise ziehen viele Menschen ihre eigene „Bürde-Bilanz“ – besonders deutlich im Bereich Klimaschutz. Es ist auch in der Schule zu einer beliebten Aktivität geworden, seinen persönlichen CO2-Fußabdruck zu bemessen: wie viel kostet mein Auto, mein Fleisch, mein Haus dem Planeten? Was ursprünglich eine aufklärerische Absicht hat, kann gerade bei sehr sensiblen und gewissenhaften Menschen in ein nahezu zwanghaftes Vermessen, Vergleichen und Verzweifeln abgleiten: jede Mikroentscheidung im Alltag wird unter der Prämisse bewertet, wie viel Schaden man damit verursacht. Ich vermisse vieles aus meiner geliebten Studistadt Münster, aber eines ganz sicher nicht: die ständigen Gespräche und subtilen Schwanzvergleiche über die eigene Ökobilanz in der Akademikerblase und die oft damit einhergehenden verbalen Selbstgeißelungen und präventiven Entschuldigungen, wenn man nun doch in den Urlaub geflogen ist oder sich notgedrungen ein Auto angeschafft hat. Ich versuche zwar auch nachhaltig zu leben und habe da in den letzten Jahren einige Fortschritte machen dürfen, aber wie ich bereits geschrieben habe, verwehre ich mich gegen ein Menschenbild, in dem wir uns primär als Belastung sehen – besonders wenn diese Logik auf Kinder übertragen wird. So wird die Besonderheit, Kostbarkeit und Schönheit großer und kleiner menschlicher Wesen durch die Brille des Belastungspotentials verdeckt.
Bürdeberechnungen in der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“
Wer oder was wie stark als Bürde wahrgenommen wird, hängt stark vom gesellschaftlichen Kontext ab. Eins der Nazi-Propagandaposter, welches mir immer wieder einen kalten Schauer runterlaufen lässt, ist folgendes, welches sich gegen Behinderte und sogenannte „Erbkranke“ richtete:
Die Nazis mögen mit ihren Berechnungen vielleicht sogar Recht gehabt haben – Pflege ist teuer. Doch die Konsequenz, die daraus gezogen wurde, ist grausam: die z.T. als Affenmenschen entmenschlicht-dargestellten Menschen sollten aus der Gesellschaft entfernt werden, weil ihre Kosten zu hoch seien. Unter dieser Logik dürften Menschen wie ich, die teure Medikamente benötigen, auch aussortiert werden. „Der Löwe von Münster“, Bischof von Galen, hielt 1941 aufgrund des Euthanasieprogrammes (das Nazi-Programm zur Ermordung von Behinderten) eine starke Rede gegen diese Belastungslogik, in der er unter anderem folgendes sagte:
„Man urteilt: Sie können nicht mehr Güter produzieren, sie sind wie eine alte Maschine, die nicht mehr läuft, sie sind wie ein altes Pferd, das unheilbar lahm geworden ist, sie sind wie eine Kuh, die keine Milch mehr gibt. Was tut man mit solch alter Maschine? Sie wird verschrottet. Was tut man mit einem lahmen Pferd, mit solch einem unproduktiven Stück Vieh? Nein, ich will den Vergleich nicht bis zu Ende führen, so furchtbar seine Berechtigung ist und seine Leuchtkraft. Es handelt sich hier ja nicht um Maschinen, es handelt sich nicht um Pferd oder Kuh, deren einzige Bestimmung ist, dem Menschen zu dienen, für den Menschen Güter zu produzieren. Man mag sie zerschlagen, man mag sie schlachten, sobald sie diese Bestimmung nicht mehr erfüllen. Nein, hier handelt es sich um Menschen, unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern. Arme Menschen, kranke Menschen, unproduktive Menschen meinetwegen. Aber haben sie damit das Recht auf das Leben verwirkt? Hast du, habe ich nur solange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange wir von anderen als produktiv anerkannt werden?
Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den unproduktiven Mitmenschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden! Wenn man die unproduktiven Mitmenschen töten darf, dann wehe den Invaliden, die im Produktionsprozess ihre Kraft, ihre gesunden Knochen eingesetzt, geopfert und eingebüsst haben! Wenn man die unproduktiven Mitmenschen gewaltsam beseitigen darf, dann wehe unseren braven Soldaten, die als schwer Kriegsverletzte, als Krüppel, als Invalide in die Heimat zurückkehren. […]
Wer kann dann noch Vertrauen haben zu einem Arzt? Vielleicht meldet er den Kranken als unproduktiv und erhält die Anweisung, ihn zu töten? Es ist nicht auszudenken, welche Verwilderung der Sitten, welch allgemeines gegenseitiges Misstrauen bis in die Familien hineingetragen wird, wenn diese furchtbare Lehre geduldet, angenommen und befolgt wird.
– Quelle: Euthanasiepredigt des Bischof von Münster Clemens August von Galen vom 3.August 1941 (Predigt zu Lukas 19, 41-47)
Warum führe ich das so weit aus? Weil die Belastungslogik historisch gefährlich ist. Der systematisch organisierte Mord an behinderten Kindern und Erwachsenen ist Gott sei Dank überwunden und so eine dramatische Brandpredigt hier zu zitieren scheint etwas unangebracht, wenn ich kurz vorher noch über Medikamentenkosten und ökologischen Fußabdruck sinnierte. Wir leben in anderen Zeiten: ein Nazi-Plakat wie das obige würde bei uns heute nicht allzu sehr verfangen, weil der Staat, der sich um Vieles kümmert, das schon irgendwie regelt und es uns auch nicht allzu sehr kümmert, wenn manches eben etwas Geld kostet. Wir begreifen uns nicht als eine „Volksgemeinschaft“, die schicksalhaft und ethnisch-historisch miteinander verbunden ist und die vor Belastungen und fremden Einflüssen geschützt werden muss – das ist auch sehr gut so, denn diese Vorstellung war der ideologische Nährboden für Euthanasie und Holocaust.
Umgang mit Bürden in der Moderne: Institutionalisierung und Autonomieideale
Heute ist an die Stelle der „Volksgemeinschaft“, in der knallhart Menschen nach Herkunft und Nutzen ein- und entsprechend aussortiert wurden, eine weitestgehend individualistische Gesellschaft getreten, in der es primär um ein selbstständiges Leben und der Suche nach dem privaten Glück geht. Wenn Belastungen in Form von Krankheiten, Beeinträchtigungen oder auch Kindererziehung entstehen, werden diese in öffentlichen Einrichtungen wie Kita, (Förder-)Schule, Krankenhaus, Altenheim oder anderen Hilfsinstitutionen professionell behandelt. Der Sozialstaat kümmert sich trotz aller Missstände verhältnismäßig gut um Menschen, die in irgendeiner Form Hilfe benötigen und eine Belastung darstellen.
Doch die moderne gesellschaftliche Vorstellung, in der Belastungen als eine Ausnahme und Störung eines weitgehend autonomen Lebens betrachtet und möglichst professionell abgewickelt werden, ist trügerisch und hat ihren Preis. Ich lese gerade ein spannendes Buch mit dem schönen Titel „The Dignity of Dependence (a feminist manifesto)“ – die Würde der Abhängigkeit. Die Autorin argumentiert und illustriert auf vielen Seiten treffend, wie sehr Wirtschaft und Gesellschaft davon ausgehen, dass man weitestgehend unabhängig funktionieren könne und wie stolz man darauf sein kann, wenn man niemanden braucht und möglichst auch von niemanden gebraucht wird. Sie arbeitet auch besonders heraus, wie sehr von Frauen erwartet wird, trotz Zyklus, Schwangerschaft, Muttersein und familiären Einbindungen möglichst beständig zu funktionieren:
Die Körper und Beziehungen von Frauen werden durch Abhängigkeit geprägt, was uns in einer Welt, die von Männern und Frauen erwartet, autonom zu sein (oder es zumindest vorzugeben), sowohl außergewöhnlich als auch unerwünscht macht. Eine Welt, die sich weigert, Abhängigkeit als grundlegend für das menschliche Leben anzuerkennen, ist unfähig, Frauen in ihrer Würde als gleichwertig zu behandeln. Sie kann nur insofern Platz für Frauen schaffen, als diese Wege finden, das „Problem“ des Frauseins zu verbergen oder abzuschwächen – das heißt, das Problem, mit denen verbunden zu sein, die von uns abhängig sind. Die Körper von Frauen werden als seltsam und abnormal behandelt […]
Aber viele Männer und Frauen leben enger begrenzt, weil sie an eine schmale Definition eines „normalen“ Lebens als autonomes Leben glauben. Wenn von Menschen und ihren Körpern erwartet wird, isoliert zu existieren, wird von Frauen und Männern verlangt, die Verbindungen abzuschneiden, die uns mit anderen verbinden. Das, was uns am meisten menschlich macht – die Abhängigkeit, in der wir alle unser Leben beginnen – wird als etwas Seltsames und Vorübergehendes betrachtet, als ein Problem, das man überwinden muss. […]
Die Gefahr, vom engen Verständnis des „Normalen“ abzuweichen, tragen sowohl Frauen als auch ihre Kinder. Der Druck, Autonomie vorzutäuschen, ist eine schwere Last. Aus der wirklichen Welt in die illusionäre Welt von Individuen und völliger Unabhängigkeit zu gleiten, hat seinen Preis.
übersetzt aus: Libresco Sargeant, Leah. The Dignity of Dependence: A Feminist Manifesto (Catholic Ideas for a Secular World) (pp. 17;33-34). Kindle Edition.
Warum wir uns so wenig entlasten
Ich bin zwar keine Frau, aber ich habe gerade in den letzten zwei Jahren in der Ehe mit Luise und als Vater unseres Sohnes gemerkt, wie illusorisch völlige Unabhängigkeit ist. Die Geburtskomplikationen waren schon ein Abgesang von den selbstgemachten Plänen und der Alltag mit Kind zeigt uns, wie sehr wir einander als Team und wir aber auch Unterstützung von anderen brauchen. Als Luise nach einem Fahrradunfall nicht mehr heben durfte und ich wieder arbeiten musste, brauchten wir vermehrt Hilfe und haben sie z.B. in Form einer Essenseinladung erhalten. Wir merken, dass wir mehr denn je funktionieren müssen, aber dass wir es nicht immer können und durch Krankheit, Schlappheit, berufliche und private Zusatzbelastungen zumindest punktuell auf Unterstützung angewiesen sind.
Diese Unterstützung zu geben und zu erhalten ist aber im modernen Westen kein Selbstläufer. Nach Luises Radunfall wurde uns empfohlen: „Sucht euch doch eine Haushaltshilfe, die Krankenkassen bezahlen das.“ Das ist zwar richtig, aber es ist ein typischer Reflex, institutionelle statt private Unterstützung zu suchen. Ersteres ist ein formeller Prozess, auf den man Rechtsansprüche geltend machen kann, letzteres ist unvorhersehbarer, verletzlicher und schambehafteter. Wir haben es uns abgewöhnt, „Hilfe“ zu sagen. Es gibt ein paar Anlässe, wo man im Privaten noch nach Hilfe fragen darf: Umzüge, Essenslieferungen nach Geburten oder bei Krankheiten, vielleicht mal ein Auto zum Ausleihen. Doch das sind alles eher punktuelle Ausnahmen, im Alltag lässt man sich in Ruhe und hat gefälligst selbst dafür zu sorgen, dass man klarkommt. Am ehesten darf die Familie im Alltag vorbeischauen und helfen, aber die ist dank moderner Bewegungsfreiheit leider auch nicht immer vor Ort.
Erst gestern erzählte mir eine Freundin, die keine Kinder hat aber gerne andere befreundete Familien mit Babysitting unterstützen möchte, dass sie trotz mehrfacher Angebote ihrerseits nie in Familien eingeladen wird, zu helfen. Sie fragte mich: „Warum ist das so? Ich will helfen und ich will Freunde auch mit Kindern treffen, aber die haben nie Zeit und wollen aber gleichzeitig auch keine Hilfe.“ Ich glaube weil wir es verlernt haben Alltag und Alltagslast zu teilen: Leute bei uns zu haben, die nicht nur zum perfekten Dinner kommen, sondern dabei sind, wenn wir Wäsche falten, Abwasch machen oder Kinderpopos reinigen. Weil wir das Sozialleben, wenn es überhaupt noch stattfindet, in kleine Zeitslots unseres scheinbar geregelten und autonomen Alltag integrieren wollen. Weil wir denken, wir müssen die kleinen Lasten des Alltags und die großen Schweren des Lebens irgendwie alleine managen. Weil wir unsere Kinder lieber in professionelle Hände geben als an hilfsbereite Freunde, in deren Schuld wir dann stünden. Weil wir vielleicht auch gar nicht mehr so viele Freunde haben, die wir fragen könnten, weil Beruf, Haushalt, Hobbies und Digitales so viel Zeit fressen und es zu Hause doch am bequemsten ist und die anderen uns nicht wirklich Signale senden, dass wir sie mal fragen könnten.
Was mich ein Moment auf dem Spielplatz lehrte

In meiner Elternzeit im September war ich eines Morgens mit Silas auf unserem Spielplatz und war zunächst ganz alleine. Auf einmal kam eine tobende Kinderschar auf den Spielplatz gerannt. Sie rannten auf die Wippe und Rutsche zu und als ich sie beobachtete, entdeckte ich ein bekanntes Gesicht: es war ein Junge, den ich aus der Kirchengemeinde kenne. Er war mit seiner Schulklasse auf einem Ausflug. Die Kids hatten alle sonderpädagogischen Förderbedarf und waren Teil einer Förderschule. Der Junge, den ich kannte, hat das Down-Syndrom. Als ich mit unserem Sohn auf dem Rondell war, sprach mich eines der Mädchen an und fragte mich wie mein Sohn heißt und wie seine Mutter heißt und wie ich heiße. Als ich sie zurückfragte, wie ihre Eltern heißen würden, überlegte sie kurz und sagte nur „Mama und Papa“. Die Kinder freuten sich an der Drehbewegung des Rondells, rannten zur Rutsche rauf und spielten jauchzend und ungehemmt miteinander. Die Klassenlehrerin und einige Betreuer saßen auf der Bank und entspannten sich für einen Moment.
Diese Szenerie hat mich nachhaltig bewegt. Es war so ein schönes Bild zu sehen wie liebevoll sich um diese Kinder gekümmert wurde und wie viel Lebensfreude sie ausstrahlten. Vermutlich wird keines dieser Kinder einen großen ökonomischen Beitrag zum BIP Deutschlands machen. Ich weiß auch durch persönliche Gespräche, wie viel Arbeit für die Eltern ein Kind ist, was so viel und so lange Unterstützung braucht. Ich habe den allergrößten Respekt vor Menschen, die nicht nur phasenweise, sondern tagein tagaus sich liebevoll und aufopferungsvoll um Menschen kümmern, die Hilfe brauchen – Kinder, pflegebedürftige Eltern, Kranke. Die Familie des Jungen durfte ich dieses Jahr besser kennenlernen und habe sie richtig liebgewonnen – ihre Hingabe für ihre Kinder und die Art und Weise, wie sie ehrlich und auch hoffnungsvoll mit den Belastungen des Alltags umgehen, haben mich inspiriert.
Ich glaube Gott hat mir diesen Moment auf dem Spielplatz geschenkt um mir lebhaft zu verdeutlichen, was ich oft nur abstrakt weiß: Menschen sind keine autonomen Wesen, die über den Dingen schweben und alles unter Kontrolle haben. Menschen sind verletzlich, bedürftig und brauchen einander – sie brauchen vielleicht nicht alle einen Betreuer, aber Familie, Freunde und Menschen, die für sie da sind. Jeder Mensch ist gewollt, auch wenn er den Namen seiner Eltern nicht sagen kann oder mag.
Der Mensch ist mehr als eine Maschine, Pferd oder Kuh, die nur funktionieren muss; die oft-zitierte unantastbare Würde des Menschen aus GG Art. 1 leitet sich nicht aus der Leistung, sondern aus dem Menschsein an sich ab. Es ist unvermeidlich, dass einige Menschen mehr tragen müssen als andere, während andere mehr empfangen als sie jemals geben können (und manchmal leider auch wollen).
Wir sollten nicht aufrechnen, sondern schauen wie wir mit unseren Päckchen zurecht kommen und wo wir Hilfe empfangen und auch geben können . Wir sind Menschen, die alle ihre Lasten zu tragen haben und auch dafür verantwortlich sind, aber die gleichzeitig auch aufeinander angewiesen sind. „Einer trage des Anderen Lasten“ heißt es in Galater 6,2. Heute beim Kaffee nach dem Gottesdienst spielte ich ein paar Minuten mit dem Jungen und rannte hin- und her, um den Eltern eine kurze Kaffeepause zu ermöglichen und dem Jungen eine Freude zu machen. Die Eltern bedankten sich mehrfach, aber ich dachte mir: „Was sind schon ein paar Minuten; ihr rennt, versorgt und kümmert euch jeden Tag?“ Aber vielleicht sind es schon so kleine Momente, die kommunizieren: Ich sehe dich und ich will dir im Rahmen meiner Möglichkeiten helfen.
Eine Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig sieht, hilft und entlastet und da wo es möglich ist auch Alltag teilt ist schwierig zu etablieren, da das Ideal der Selbstständigkeit, die verdrängte Scham der Hilfsbedürftigkeit, die Gewöhnung an die Professionalisierung und Verstaatlichung von Hilfe und die zunehmende Vereinzelung und Neigung zur Bequemlichkeit dem entgegenstehen. Aber ich glaube wir kommen unserem Menschsein näher, wenn wir beim nächsten Mal, wo wir am Rande unser Kapazitäten sind, den Mut aufbringen, um Hilfe zu fragen und gleichzeitig auch die Augen erheben und prüfen, wer sich diese Woche über tatkräftige Unterstützung, eine kleine Hilfsgeste oder einen kurzen Alltagsbesuch freuen würde.
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Interessanter und aufschlussreicher Bericht.
Bei allem Verständnis und aller Selbstlosigkeit darf man getrost fremde Hilfe annehmen ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Jeden Tag darfst du mit großer Dankbarkeit genießen. LGE