Text in natürlicher Sprache vorgelesen bekommen.
Heute nachmittag fahren wir in den Osterurlaub mit meiner Herkunftsfamilie und dort werde ich unter anderem meine beiden Neffen treffen. Sie sind 7 und 10 und echte Rabauken – wild, lebensfroh und unternehmenslustig. Sie lieben Lego, Minecraft, Ninjago, Fußball; aber besonders der Ältere liebt es auch, in der Natur zu sein und Baumhäuser zu bauen, Brombeeren zu sammeln, Katzen zu streicheln, Sandburgen zu bauen und im Garten einen eigenen Pool auszuheben. Ich bin manchmal überrascht mit wie viel Ausdauer und Faszination die beiden Jungs mit Wasser, Holz, Stein und Sand spielen können. Als sie uns einmal in Minden besucht haben, entdeckten sie auf dem Weg zur Weser den Steinepfad in der Bastau und sprangen gleich im Flüsschen von Stein zu Stein.

Unser eigener Sohn kann manchmal auch erstaunlich lang Blumen inspizieren, Hunde beschnuppern, mit seinen Gummistiefeln in der Pfütze stapfen und seine natürliche Umgebung entdecken. Erst gestern auf dem Parkplatz meiner Schwiegereltern fand er heraus, wie es ist, Kieselsteine hin und her zu bewegen und fallen zu lassen.

All das ist echt, anfass- und erlebbar, verwurzelt in der Wirklichkeit, in die meine Neffen und mein Sohn hineingeboren wurden. Je mehr ich diese Kinder beobachte, desto mehr frage ich mich, was wir verlieren, wenn unser Leben sich in digitale, körperferne Räume verlagert. Nicht nur als Vater, aber gerade als Vater, habe ich die letzten Jahre mehr und mehr den Wunsch entwickelt, mehr Teil meiner natürlichen Umgebung zu sein. Das Vogelgezwitscher wahrzunehmen, auch bei nicht optimalen Wetter rauszugehen, Menschen face to face zu treffen und sich von der Natur ansprechen zu lassen. Immer wieder erlebe ich, dass das alles mir nicht nur gut tut, sondern dass es mich grundiert, abholt und mich auf den Boden der Tatsachen meines kleinen Lebens in einer großen Welt bringt und meine Prioritäten, Gedanken und meine Stellung entsprechend justiert.
Auch wenn ich das erlebe und spüre, ist doch ein beträchtlicher Teil meiner freien Zeit damit gefüllt, mich in virtuellen Welten aufzuhalten. In letzter Zeit habe ich die erstaunlich leichte und mächtige WebApp-Programmierung mit KI-Agenten für mich entdeckt (z.B. ein „Randomizer„), dazu kommen digitale Kontaktpflege und die üblichen Versuchungen bei YouTube, Blogs & Nachrichtenwebsites. Vieles davon ist spannend und darf in einer komplexen Welt mit all ihren Möglichkeiten auch zum Leben dazugehören, aber ich bin mehr und mehr bestrebt, das Digitale in Einklang zu bringen mit dem Dinglichen, dem Konkreten, Sinnlichen und Erfahrbaren.

Denn die eigene Erfahrung ist das, was beim Digitalen am meisten verloren geht. Ja, ich kann am PC Dinge schaffen, ich kann Menschen erreichen, ich kann mir etwas anschauen, ich kann viel lernen; aber ich erlebe nicht wirklich etwas. In meinen späteren Erinnerungen werden keine langen Sessions am Laptop oder Smartphone abgespeichert sein – so wie sie es auch jetzt schon kaum sind. Der Buchtitel „The Extinction of Experience: Being Human in a Disembodied World“ von Christine Rosen spricht für sich: Die Auslöschung der Erfahrung in einer „entkörperlichten“ Welt. Entkörperlicht ist eine holprige Übersetzung, aber das sperrige Wort ist treffend. In digitaler Interaktion spielt der Körper kaum eine Rolle, wir sehen nur Texte, Profilbilder, Avatare, KI-Inhalte, Deepfakes, Spielcharaktere und Schauspieler und der Körper ist nur dazu da, sesshaft mit Augen und Ohren zweidimensionalen und zunehmend künstlichen Inhalt aufzunehmen. Viele erleben ihre Körper kaum noch und gerade bei jungen Menschen scheint mir das fatal.
Zum Geburtstag bekam ich das neueste Buch vom beliebten Soziologen Hartmut Rosa geschenkt, dessen kluge und hilfreiche Gesellschaftsbeobachtungen ich sehr schätze. Im Buch geht es um das Verschwinden von Spielräumen und eigenständigem Handeln und Rosa schreibt diesbezüglich zum Wert von Erfahrungen und dem Wechselspiel von Welt und Ich (mit Hervorhebungen von mir):
[Jonathan Haidt schreibt:] „Smartphones sind ebenfalls Erfahrungsblocker. Sobald sie ins Leben eines Kindes treten, verdrängen oder reduzieren sie alle anderen Form nicht-bildschirmbasierter Erfahrungen, die das erfahrungssuchende Gehirn der Kinder am nötigsten braucht.“ […]
Von entscheidender Bedeutung scheint mir hierbei zu sein, dass der Verlust von Erfahrungen, die mit dem insbesondere auch physischen Handeln in offenen, unkontrollierbaren Situationen verbunden sind, nicht nur einen Mangel an rezeptivem Input, an Erlebnissen, bedeutet, sondern auch – und vielleicht noch gravierender – mindestens ebenso sehr einen Mangel an Möglichkeiten zur expressiven Selbstentfaltung. Menschen entwickeln ihre Selbst- und Weltbeziehung und damit auch ihre Persönlichkeit und Identität, indem sie auf die Welt und das Leben antworten, indem sie Handlungsmöglichkeiten tastend ausprobieren und dabei sich und und die Welt fortwährend formen und umformen. […]
Wer wir sind, finden wir vielmehr erst heraus, indem wir uns expressiv, fühlend, formend und auch leidend an die Welt und in die Welt entäußern. […]
Als hätte er es vorausgeahnt, wie sehr sich menschliche Lebensäußerungen in ihrer leiblich-expressiven Dimension in der Spätmoderne oft auf die immer gleiche Haltung und Bewegung reduzierend – den gesenkten Kopf mit starren Blick auf das Smartphone, während der Daumen über die immer gleiche, völlig konturlose Oberfläche des Bildschirms wischt, der zum letzten Fenster zur Welt geworden scheint –, schreibt wiederum Rilke in seinem Gedicht Der Gefangene: „Meine Hand kennt nur noch eine Gebärde, mit der sie verscheucht / Auf die alten Steine tropft es aus den Felsen feucht [….]“. – Hartmut Rosa, Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums, S. 185-186; 189-190.
Das ist alles etwas akademisch ausgedrückt, aber im Grunde sagt Rosa hier, wie wichtig es auch für die eigene Identitätsentwicklung ist, die reale Welt wahrzunehmen, zu ertasten & erleben und schließlich darauf zu reagieren und sich zu ihr zu verhalten. Zwar kann man der Welt auch digital begegnen, doch diese Situationen sind nicht, wie Rosa schreibt, „unkontrollierbar“ und offen, vielmehr bestimmt der Nutzer den Konsum in einem (vermeintlich) sicheren Rückzugsraum (ebd., S. 184).
Vor ein paar Tagen fragte mich eine Freundin, ob ich für ihren 11-Jährigen Sohn sein 1. iPhone einrichten könnte, mit Bildschirmzeit & Co.. Alles in mir sträubte sich dagegen: „Nein, tue es (noch) nicht. Zögere das noch ein paar Jahre hinaus. Dein Sohn wird für den Rest seines Lebens noch genug Zeit an diesem Ding kleben und nein, er muss jetzt noch keinen „verantwortungsvollen Umgang“ lernen, was für einen 11-Jährigen ohnehin viel schwieriger ist als für Erwachsene, die es mit all ihrer Weisheit und den Warnungen oft ebenso wenig hinkriegen. Und auch wenn alle seine Freunde es haben, gib dem Druck nicht nach und kämpfe.“ Das sagte ich alles nicht, weil in dem Menschentrubel in dem wir uns befanden, kein Raum dazu war, aber gerade für meinen Sohn, mich selbst, auch meine Schüler und andere mir kostbare Menschen ist es mir wichtig, an echte und sinn-volle Erfahrungen mit der Umgebung anzuknüpfen.
Ich las vor einigen Monaten ein bewegendes Essay eines Vaters, in dem er ähnliche Ziele für seinen kleinen Sohn äußert:
Seine weichen Augen nehmen vieles auf, und ich kann Demut in seinem Gesicht sehen; ich sehe, wie er alles annimmt als etwas, das größer ist als er selbst, ich bemerke, wie er die Welt wahrnimmt.
Wir haben einen kleinen Garten hinter dem Haus, voller Moos, Eichhörnchen und Disteln, und wenn er laufen kann, wird er immer noch nah am Boden gebaut sein – ideal, um nach hohem Unkraut zu greifen, nach Eichhörnchenknochen und nach jedem Käfer, den man greifen kann –, und ich werde ihn lehren, in einer Welt der Dinge zu leben. Ich werde nicht zulassen, dass er ein weiteres Opfer des Unfassbaren wird. Ich werde das 21. Jahrhundert in seinem Namen bekämpfen, und ich werde diesen Kampf gewinnen.
Ich werde ihn in einer Welt der Dinge großziehen, und er wird den wächsernen Saft des herabhängenden Frühlingsgrases kennen, ich werde ihn nach seinem ersten Bienenstich halten, er wird lernen, wie nass Schlamm sein kann, er wird die Sonne einfangen. Seine Welt wird aus dem bestehen, was man berühren kann, aus der Aufregung der Finger; er wird in der Herrlichkeit der Atome leben.
– Freddie deBoer, „I Didn’t Know I Could Feel This Way“, August 2025
Wir bewegen uns auf Ostern zu und als Christ mache ich mir zu solchen Anlässen gerne Gedanken, was mir ein Feiertag bedeutet, nicht nur allgemein, sondern in der jetzigen konkreten Lebenslage. Auf meinem Blog habe ich schon diverse Impulse zu Weihnachten, Pfingsten und Ostern veröffentlicht und ich schreibe diese nicht zur allgemeinen Belehrung, sondern als Versuch, neu auf Vertrautes zu blicken und meine eigene Lebenserfahrung in Beziehung zu setzen mit dem, was man feiert.
In Anlehnung an das, was ich oben über die Erfahrungen mit der echten Welt geschrieben habe, gewinnt Ostern dieses Jahr für mich dadurch an Bedeutung, wie real und physisch die gesamte Passions- und Auferstehungszeit ist. Jesu Angstschweiß im Garten Gethsemane, seine körperlichen Leiden in der Folter, der Durst am Kreuz und schließlich die letzten Schreie vor seinem Tod. Nach der Auferstehung wird berichtet, wie er von Maria erst als Gärtner (Joh 20,15) wahrgenommen wird, ein zutiefst in der Natur verwurzelter Beruf. Als Jesus den Jüngern erschien, wollte Thomas seine Finger in seine Nägelmale legen und Jesus ließ ihn gewähren, vielleicht wohlwissend, wie wichtig die physische Erfahrung für Thomas war. Leiden, Tod und Auferstehung werden in der Bibel nicht als moralisch inspirierende Geschichte oder philosophisches Gedankenspiel, sondern als tatsächliche, aufrüttelnde und emotionale Erfahrung erzählt.
Rosa schreibt oben in dem oben angeführten Zitat auch etwas über Leid: Wer wir sind, finden wir vielmehr erst heraus, indem wir uns expressiv, fühlend, formend und auch leidend an die Welt und in die Welt entäußern (ebd., S. 186). Jesus musste sich nicht selbst finden und wusste, wer er war und wurde für seine Selbstbehauptung, der Messias zu sein, letztlich auch ermordet. Aber als Rosa von Leiden und vom „Entäußern“ schreibt, musste ich unweigerlich an Philipper 2, den sogenannten Christushymnus, denken, wo es heißt:
„Denn ihr sollt so gesinnt sein, wie es Christus Jesus auch war, der, als er in der Gestalt Gottes war, es nicht wie einen Raub festhielt, Gott gleich zu sein; sondern er entäußerte sich selbst, nahm die Gestalt eines Knechtes an und wurde wie die Menschen; und in seiner äußeren Erscheinung als ein Mensch erfunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.“ (Phil 2,5-8)
Entäußern kann hier verstanden werden als ein „sich nach außen geben“, ein Selbst-Verzichten und letztlich ein vollkommendes Hingeben. Es ist mehr als ein Entäußern im Sinne eines expressives Sich-Hineingebens, was Rosa vermutlich im Sinn hat. Als Christen glauben wir, dass Jesus sich nicht nur in die Welt hineinbegeben, sondern sich auch für sie und uns hingegeben hat. Wenn Paulus seinen Christushymnus damit einleitet, dass „auch wir so gesinnt sein sollen“, dann meint er nicht die gleiche Hingabe und Selbstaufopferung wie bei Jesus. Wenn wir das könnten, wäre Ostern gar nicht nötig gewesen. Aber er meint wahrscheinlich, dass unsere grundsätzliche Richtung auch eine Bewegung nach außen sein soll – eine Hinwendung zur Natur und zu den Menschen, die uns umgeben; ein nach-außen gerichtetes Leben, in dem wir uns nicht um uns selbst und unsere Ansprüche drehen. Und das tun wir nicht mit dem Ziel, heroische Hingabe zu demonstrieren, sondern auch, wie Rosa schreibt, um uns selbst zu finden, unsere Bestimmung und unsere Aufgabe.
In der Schule taucht oft das Thema Identität auf, auch im Englischunterricht. Oft lass ich dann meine Schüler Beziehungsnetzwerke und Rollen aufzeichnen, Selbst- und Fremdwahrnehmungen abgleichen und dergleichen. Das ist alles nicht falsch, aber je länger ich die Schwierigkeiten bei meinen Schülern und bei mir selbst sehe, genau zu definieren und artikulieren, wer wir sind und was uns ausmacht, desto mehr bin ich überzeugt, dass dieses Unterfangen schwer umsetzbar und vielleicht auch fehlgeleitet ist. Zum einen sollten wir ebenso wie bei dem Glück nicht unser Hauptaugenmerk darauf richten, uns zu finden, denn häufig ist die Selbstfindung (wie das Glück) ein Nebenprodukt von anderen Prozessen. Zum anderen glaube ich ebenso wie Rosa es akademisch ausdrückt und Jesus es praktisch und maximal aufopferungsvoll vorlebte und meine eigenen Erfahrungen es mir bestätigen: „Wer wir sind, finden wir vielmehr erst heraus, indem wir uns expressiv, fühlend, formend und auch leidend an die Welt und in die Welt entäußern.“
Vielleicht kann ein erster Schritt Richtung Ent-Äußerung sein, dass wir nach (dr)außen gehen. Das Wetter wird dieses Ostern mäßig, aber es sollte trotzdem reichen für eine Runde Fußball mit meinen Neffen und auch für unseren kleinen Silas. Er läuft Bällen schon eifrig hinterher und ich hoffe, er zieht mich auf diese und viele andere Weisen immer wieder nach draußen.
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