Text in natürlicher Sprache vorgelesen bekommen.
Der Kurzfilm ist ein unterschätztes Format. In 5, 10 oder 15 Minuten kann erstaunlich viel Story, Emotion und Charakter stecken. Ein Kurzfilm erfordert mehr Aufmerksamkeit als ein Reel oder TikTok-Clip, aber weniger Zeit als ein Spielfilm, für den gestresste Menschen oft wenig Zeit haben. Wie viele Eltern haben mir schon geklagt, dass sie seit X Jahren keine Zeit für einen Filmabend hatten. Vielleicht ist ja dieses Kurzfilmjuwel, welches ich erst letzte Woche entdeckte, etwas für sie und dich. Es heißt Forevergreen, dauert 12 Minuten, ist technisch und inhaltlich wunderschön und verdient es, mit voller Aufmerksamkeit im Vollbildmodus geschaut zu werden:
(Der Rest meines Beitrags ergibt nur Sinn, wenn du den Kurzfilm tatsächlich geschaut hast und er auf dich wirken konnte.)
Eine zentrale Rolle in Forevergreen spielt aus meiner Sicht die Chipstüte. Zuvor experimentiert und interagiert der kleine Bär mit lauter natürlichen Dingen und hat eine verspielte und liebevolle Beziehung mit dem vaterähnlichen Baum, der ihn beschützt und versorgt. In meinem letzten Beitrag habe ich bereits geteilt, wie wichtig es mir besonders als Vater geworden ist, dass mein Sohn, aber auch ich selbst, die „Welt der Dinge“ für sich entdeckt und meinte damit explizit natürliche Dinge – Steine, Blumen, Wasser und Lebewesen wie Tiere und Menschen. Der Film vermittelt mein Anliegen stärker als Worte es tun können.
Auf jeden Fall lebt der Bär, so kitschig es klingen mag, im Einklang mit der Natur und fährt damit ziemlich gut – er ist glücklich, gesund und in guter Gesellschaft. Bis die Raben eine Chipstüte vorbeibringen und er das Plastikgeraschel hört und den Glutamat-Geschmack der Chips zum ersten Mal schmeckt. Er merkt zwar, dass er durch die Chips Bauchschmerzen bekommt, aber er will trotzdem mehr und kann nicht genug bekommen. Als der Baum ihm die Chipstüte wegnehmen möchte und ihn schützen möchte, fängt er an, zu rebellieren, Langgewachsenes kaputtzutreten und sich von seiner Vaterfigur zu entfernen.
Er sucht den Ort auf, wo es noch mehr Chipstüten und allerlei anderes Zeug gibt – letztlich Trash, Müll, ohne viel Gehalt und Wert; Nutriscore E, aber lecker halt. Er feiert die Neuigkeit und will selbst beim Waldbrand alles mitnehmen bis er merkt, dass ihm der gesamte Konsummüll nicht hilft, wenn es um Existentielles, um Leben und Tod und Hilfe in der Not geht.
Die Chipstüte ist natürlich nur ein einfaches, aber starkes Symbol. Wofür? Theologisch betrachtet könnte man sie als Verführung der Sünde deuten, die zwar gut schmeckt, aber einen entfremdet und leer zurücklässt. Ökologisch steht sie für Plastikverschmutzung und die menschengemachte Schädigung der Natur. Aus gesundheitlicher Sicht steht sie für Industrieproduktion und schlechte Ernährung.
All das ist richtig und je nach eigenen Überzeugungen kann man viel in den Film hineininterpretieren. Was ich aber gerne hier auf dem Blog und auch in meinem Alltag mache, ist nicht nur auf die dogmatische Ebene, sondern auf das konkrete persönliche Leben zu schauen. Die Frage, die sich mir stellt und die ich weitergeben möchte, ist diese: Was ist deine Chipstüte? Was nimmt dir Gesundheit, entfernt dich von deinen Lieben, entfremdet dich von deiner Umgebung, was bereitet dir Magenschmerzen? Was schmeckt gut, aber lässt dich flau und leer zurück?
- Wenn ich auf mein eigenes Leben schaue, ist meine Chipstüte oft das Digitale. Es ist zwar hilfreich, aber in zu großer Dosis lässt es mich ungefähr zurück wie nach einer Fressattacke auf eine Chipstüte. Wenn ich zu viel am PC oder Handy bin, laufe ich genau wie der Bär vor den Menschen in meinem Leben weg. Selbst der süße Sohn ist dann eher eine lästige Ablenkung von meinen ach so interessanten Bildschirminhalten.
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Wenn ich mich umschaue, wirkt manchmal der Konsum auf mich wie eine Chipstüte. Es ist erstaunlich, wie viele Gespräche sich ums Kaufen, um Kleidung oder um km/h drehen und wie wenig sich stattdessen gefragt und füreinander interessiert wird. Ich hab nichts gegen notwendigen und wohldosierten genüsslichen Konsum und ich bin selber wahrlich kein Asket und teile auch gerne mal eine tolle Errungenschaft, aber ich bin genervt davon, wenn in Gesprächen das Materielle dominiert und das Menschliche verdrängt.
- Wenn ich die Pausensnacks mancher meiner Schüler betrachte, denke ich, dass ihre Chipstüte manchmal tatsächlich die Chipstüte ist. Wenn Ernährung überwiegend aus Junk-Food besteht, schmeckt alles andere irgendwann fad, Konzentration und Körper leiden – und mit ihnen nicht nur die Bildung, sondern das Leben insgesamt. Die Verantwortung dafür liegt nicht einfach bei den Kindern und auch nicht nur bei den Eltern; unsere Lebensmittelwelt macht es erschreckend leicht, günstig an süchtigmachenden kulinarischen Schrott zu kommen.
Das sind nur drei Beispiele für mögliche Antworten auf die Frage, was meine und deine Chipstüte ist. Die Antwort ist natürlich nicht ganz so einfach, denn wir leben in einer hochmodernen Welt mit vielen Annehmlichkeiten, die nicht per se falsch sind und ohne die es nicht geht. Ich werde auch weiterhin Chips essen, wenn man sie mir beim Fußballabend anbietet (aber mir selbst keine kaufen). Ich werde auch weiterhin digitale Geräte nutzen und Zeug kaufen, was ich selbst nicht herstellen kann (= also alles). Letztens bot jemand an, ins Sauerteigbrotbackbusiness einzusteigen. Sorry, keine Zeit. Wir können nicht einfach sagen: „Chipstüte böse, Chipstüte weg“. Die Amishen können vielleicht autark und analog leben, aber ich würde ähnlich wie bei (großartigen) Film „Into the Wild“ ganz schnell sterben.
Was vielleicht hilft, ein gesundes und ganzheitliches Leben ohne künstlichen Ballast zu führen und zu prüfen, ob sich etwas organisch und natürlich in mein Leben einfügt oder eher wie ein künstlicher Fremdkörper mich entfremdet ist ein Bewusstsein für die Schönheit vom Original. In seinem Entwurf für eine bessere Welt, „Eden Culture“, benutzt der Theologe und Philosoph Johannes Hartl ebenfalls eine Chipstüte als Beispiel:
Es gibt auch eine ästhetische Umweltverschmutzung. Eine weggeworfene Chipstüte im Wald. Eine leere Plastikflasche im Ozean. Tatsächlich ist das eine der mächtigsten Quellen für die ganze ökologische Bewegung: die Erkenntnis, dass die Natur schön ist; dass es einfach falsch ist, sie mit hässlichem Müll zu überschütten.
Um diese Schönheit wahrzunehmen – in der Natur, in Mitmenschen, in Kunst, Bildung und lebendigem geistlichen Leben –, braucht es Ruhe, Zeit und die Bereitschaft, ehrlich hinzusehen: Was führt mich eigentlich davon weg? Der Frühling ist vielleicht eine gute Zeit, Schönheit und „Natürlichkeit“ im Sinne von Authentizität und Echtheit mehr wahrzunehmen – und die Chipstüten und all das andere künstliche und hässliche Zeug wegzuwerfen, das uns aufgedrängt wurde oder das wir selbst angehäuft haben.
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