Text in natürlicher Sprache vorgelesen bekommen.
Gestern hörte ich beim Einkaufen mit einer Mischung aus Neugierde und Frustration die neuste Podcastfolge von Jana und Jasmin. Wer die beiden nicht kennt: Jana und Jasmin sind die beiden reichweitenstärksten „Christfluencerinnen“ Deutschlands, die politisch und theologisch nicht unumstritten sind. Ich bin zwar weder Influencer, Frau noch Beauty-Ästhet und bin zudem theologisch und kulturell anders geprägt und obendrein gar nicht auf social media aktiv, aber ich versuche gelegentlich am Puls der Zeit zu sein und (auch abseits meiner Schülerinteraktionen) zu hören, was „die junge Generation“ bewegt (ich werde alt). Warum war ich frustriert? Die Frustration beim Zuhören rührte daher, dass die beiden Teil einer Medienmaschinerie sind und sich dann über die Wirkungsmechanismen genau dieser beklagen.
Eine Betrachtung aus der Distanz
Als kurzer Disclaimer vorweg: Ich bin eigentlich nicht die richtige Person, über social media und das Wirken der beiden Christfluencerinnen zu urteilen, weil ich (wie oben ausgeführt) mit meinen Merkmalen nicht zur Zielgruppe gehöre. Und doch liegt vielleicht gerade in der Distanz eine gewisse Chance, weil Distanz Klarheit schafft. Ein Beispiel aus meinem eigenen Leben: Als Jugendlicher habe ich viel gezockt und war voll drin in meinen Welten – in Leveln, Skills, Upgrades usw. Irgendwann habe ich daran den Appetit verloren und heute blicke ich mit etwas Befremdlichkeit aber auch mit Klarheit zurück, wie unnötig (trotz einiger Aufregung und Freude am Spielen) doch letztlich diese virtuellen Kämpfe und das zeitliche und emotionale Investment in sie waren.
Und damit komme ich auch direkt zu meinem Punkt: social media schafft viele unnötige virtuelle Kämpfe, die im realen Leben in dieser Form nie entstanden wären und die uns Zeit, Energie und Freude rauben. Im Unterschied zum Gaming geht es bei social media zwar um echte Menschen, die posten, kommentieren und Reels und Reaction-Videos machen (von Bots einmal abgesehen), aber dennoch findet all dies in einem virtuellen Kontext statt. Es gibt Experten, die die Unterscheidung von realer und virtueller Welt veraltet finden, weil sich heute sowieso alles vermischt und auch der virtuelle Raum eine Lebenswelt ist, aber ich glaube weiterhin, dass wir diese Unterscheidung unbedingt machen sollten, weil die virtuellen Welten künstliche Gebilde sind, die nach ganz anderen Spielregeln funktionieren, die durch profitorientierte big tech-Unternehmen gesetzt werden und einem florierenden menschlichen Miteinander tendenziell entgegenstehen.
Die Negativität auf social media
Aber was sind denn jetzt die Probleme von Jana und Jasmin mit social media? Sie klagen, dass so viele Menschen neidisch, missgünstig oder hasserfüllt auf ihre Beiträge reagieren. Jasmin erzählt, wie sie ein Bild vom blauen Himmel gepostet hat und dann jemand die Umweltverschmutzung durch die Flugzeuge angeprangert hat (45:50). Jana ist so frustriert von der Negativität, dass ihr social media keinen Spaß mehr macht:
„Ich weiß nicht, wie es dir damit geht, aber mir macht social media gerade echt keinen Spaß. Ich finde es extrem krass negativ. Ich habe heute mit einer Freundin telefoniert und ich habe gesagt, guck mal, wenn ich sagen würde, das Wetter ist gut, also wirklich ein komplett unverfängliches Statement, dann würden manche Leute sagen, ja voll schön die Sonne.
Dann würde irgendjemand kommentieren und sagen, du hast diese Hitze, denk mal an die armen Landwirte, das ist total Katastrophe. Der nächste würde sagen, die Chemtrails, das ist alles nur wegen der Chemtrails, wir sind vergiftet […]
Und natürlich kommt es auch ein bisschen an, welche Community du gezüchtet hast, aber ich merke gerade, das kostet mich übelst viel Kraft. Und gleichzeitig will ich mich aber auch nicht mundtot machen von diesen ganzen extremen Negativen und in dieser Spannung stehe ich gerade.“ (45:00)
Ich will Jana und Jasmin nicht mundtot machen und bin selber ein Verfechter von offenem Diskurs und Redefreiheit. Was ich ihnen aber dennoch raten würde: Diese Spannung, die ihr da beschreibt, braucht ihr nicht auszuhalten. Ich glaube unterm Strich lohnt es sich nicht, sein Leben bei social media publik zu machen. Wenn du dich an dem blauen Himmel erfreust, teile es mit Menschen um dich herum. Wenn gerade keiner da ist und du ein großes Teilungsbedürfnis hast, dann mach ein Foto und schick es in die Familiengruppe oder teile es in deinem WhatsApp-Status mit Menschen, die dir nahe genug sind, dass sie deine Nummer haben.
Wenn du deinen Glauben mit glaubensfernen Menschen teilen willst, dann such das Gespräch mit Menschen und wenn dir dein Umfeld dabei nicht ausreicht, dann poste deine Glaubenserfahrungen, Handlettering-Verse, Bibelauslegungen und Überlegungen und zwar möglichst ohne die üblichen Social-Media-Mechanismen wie provokative Zuspitzungen oder ‚Wir-gegen-Die‘-Narrative (egal ob im Angriffs- oder Opfermodus). Stattdessen: einladend, fragend, anregen (statt aufregen) und auf echtes Verständnis aus.
Wenn ihr einen fruchtbaren offenen Austausch statt Hate und Häme wünscht, erwartet ihn nicht in den Kommentaren von euren Reels oder in irgendwelchen Reaction-Videos. Die Plattformen, auf denen ihr interagiert, fördern bei den meisten Menschen nicht langes konzentriertes und empathisches Nachdenken, Schreiben und Lesen. Wenn jemand seine Instagram-App öffnet, tut er oder sie dies meistens mit der unbewussten Erwartung, sich ein wenig berieseln und entertainen zu lassen. Wenn eure Follower euch wohlgesonnen sind, werden sie fleißig das Herzchen-Icon klicken und vielleicht auch mal einen netten kleinen Kommentar schreiben. Wenn sie es nicht sind und dazu auch anderweitig unzufrieden sind, wollen sie den Laden vielleicht ein wenig aufmischen, ranten oder auch gezielt verletzen, wie ihr selbst in der Podcastfolge vermutet (und etwas drastisch beklagt):
„Also da kommt ja irgendwo auch der Neid. Leute sind ja unzufrieden mit ihrem Leben heutzutage. Die haben ja nichts. Die gehen von morgens bis abends arbeiten und sind einfach unzufrieden, sehen, dass du ein schönes Leben hast und dass es dir gut geht und wollen dich einfach verletzen durch solche Kommentare oder haben einfach negative Energien, die sie einfach loslassen wollen, weil sie nicht glücklich sind mit dem, was sie haben und nicht glücklich sind mit dem, was Jesus ihnen gibt.“ (47:06)
Echte Begegnungen durch social media?
Jasmin wünscht sich, diese negativen Menschen im echten Leben zu treffen:
„Was ich mal gerne machen würde, ist, mich mehr mit Leuten an den Tisch zu setzen, als über Instagram zu sprechen. Also wenn Leute irgendwie so Videos machen, dann denke ich mir so oft, du machst zwar ein Video über mich, aber ich hab dich zum Beispiel vorher zum Gespräch eingeladen, warum reden wir nicht, komm doch vorbei, wir trinken einen Kaffee gerne auch an einem neutralen Ort. Ich will einfach mit dir reden, dich als Mensch kennenlernen. Das fände ich so viel cooler.
Ich hab letztens eine Haterin mir geschrieben, die auch öfter mal gegen mich kommentiert und so. Und sie meinte so, die hat ein Video gesehen, das fand sie cool. Und dann meinte sie auch, wenn ich sonst nicht so nett zu sagen hab, ich sag so, hey, weißt du, du bist hier immer herzlich eingeladen, du wohnst nicht weit weg, wir können mal einen Tag miteinander verbringen.
Ich will die Menschen kennenlernen, ich will eine schöne Zeit mit denen verbringen, ich will wissen, wer du bist, was du glaubst. Aber das muss doch nicht immer alles online stattfinden.“ (47:37)
Das Anliegen, sich direkt zu begegnen teile ich sehr. Aber ich halte es für etwas optimistisch zu glauben, dass Internetnutzer, die durch jahrelange social media-Nutzung einen passiven, schnellen und anonymen Konsum und Austausch gewohnt sind, die Kraft und Bereitschaft aufbringen, irgendwo hinzufahren, einem Gegenüber in die Augen zu schauen und ein tiefes, offenes und persönliches Gespräch zu führen, was sie nicht zu ihren Gunsten zurechtschneiden können.
Tatsächlich sind Jana und Jasmin eigentlich gut darin, echte und längere Begegnungen zu suchen. Jasmin hat auf mutige Weise Gespräche auf der Straße mit Fremden geführt und diese Videos hochgeladen. Jana hat in ihrem ersten Format „Jana glaubt“ bei Kaffeedates persönliche Gespräche geführt. Natürlich kann man auch hinterfragen, inwiefern gefilmte Gespräche echte Begegnungen sind, aber ich glaube, dass diese deutlich mehr Verständnispotential bergen als Reels, Captions und Kommentare.
Der Ersatz des Echten
Ich bin nicht gegen das Internet per se (als Blogger offensichtlich), aber ich bin sehr skeptisch bei social media. Ich glaube, social media weckt zutiefst menschliche Bedürfnisse nach Austausch, Gesehenwerden und nach menschlicher Wärme und Bestätigung, die aber nur oberflächlich und nicht wirklich in einer Weise erfüllt werden, wie wir es als von Gott geschaffene Wesen brauchen. Social Media ist von Performanz geprägt, also dem Darstellen von etwas, sei es einem ästhetischen, ökologischen, sportlichen oder christlichen Lifestyle oder der eigenen Tugendhaftigkeit. Es ist sehr schwer, fast schon unmöglich, das eigene Leben zu einer Onlinemarke und damit auch für fremde Menschen zugänglich und angreifbar zu machen und dabei keinen Erwartungs- und Anpassungsdruck oder Unsicherheit zu verspüren. Diesbezüglich kann ich das Buch und auch die Blogartikel von Freya India sehr empfehlen, hier nur ein kleiner Auszug:
„Wir müssen eingreifen und darauf bestehen, dass diese Generation solche Orientierung in erster Linie von echten Menschen in ihrem Leben bekommt: von der Familie, von Freunden, von denen, die sich um sie sorgen. Natürlich haben manche vielleicht nur Fremde, an die sie sich wenden können. Aber das ist nicht alles, was hier geschieht; viele junge Menschen gehen zuerst dorthin, um Rat zu suchen, weil sie diejenigen, die sie kennen und lieben, nicht belasten wollen oder glauben, es stehe ihnen nicht zu.
Und genau das, würde ich sagen, ist unser zentrales Leiden im modernen Leben: Wir wählen den Ersatz statt des Echten. Fragt natürlich um Rat. Aber fragt Freunde vor Foren. Fragt jemanden, der weiß, wer ihr seid und was ihr wollt. Fragt Menschen, deren einziges Interesse eure Würde und euer Wohlergehen ist.“ Freya India, Online Relationship Advice is Useless (4. März 2026)
Ich will Jana und Jasmin und anderen Influencern nicht absprechen, dass sie positive Motive haben und ihren Einfluss zu etwas Gutem nutzen wollen und die Onlinewelt, in der sich gerade so viele Jugendliche aufhalten, nicht kampflos anderen überlassen wollen. Als ich im Unterricht meine Schülis nach ihren social-media-Vorbildern gefragt habe, nannte eine Schülerin Jana und ihre Videos als Inspiration. Ich bin mir sicher, dass einige Menschen durch manche Posts schon ermutigt, herausgefordert und auch gesegnet wurden, aber unterm Strich erfahren die „User“, wie Menschen auf Plattformen werden, diese Segnungen nicht auf eine Weise, die ihnen langfristig gut tut – von einer anderen Freundin, die sie umarmt, einem Vater, der mit seinem Kind Eisessen geht oder einer Jugendgruppe, mit der man gemeinsam unterwegs ist. Jana und Jasmin zelebrieren ihre Freundschaft und necken sich gegenseitig damit, wer denn nun gerade die Hübschere, Erfolgreiche oder Deepere ist vor einem Publikum, das diese Dinge in dieser Form nicht hat und dann sind sie verärgert, wenn ein Troll oder einfach nur ein unzufriedener Mensch ihnen diese Dinge miesmachen will.
Ein Totalverzicht auf social media ist bei dem Einfluss, den die beiden haben, wahrscheinlich schwer vorstellbar, zumal bei Jasmin noch ein Business dahintersteckt und die beiden ihren Impact nicht verlieren wollen (21:00). Was ich mit diesem Blogpost erreichen will ist, dass wir, auch wenn wir keine erfolgreichen Influencer sind, zumindest über die Dynamiken von social media nachdenken und hinterfragen, ob, in welchem Maße und auf welche Weise es wirklich sinnvoll ist, seine Positionen, seine Gefühle, seinen Rat und seinen Lifestyle mit fremden Menschen zu teilen oder bei ihnen zu suchen.
Vielleicht hilft abschließend ein Blick auf den Anfang der Sendung. Dort unterhalten sich Jana und Jasmin (angeregt auch durch Janas Arbeit in der Palliativmedizin) ungeplant länger über das Sterben und die Frage, ob man es in Krankheitsfällen mit schmerzhaften Therapien länger hinauszögern sollte oder ohne Therapie eine kürzere aber vielleicht schönere Restzeit bevorzugt (10:45). Ich selber bin aufgrund meiner (recht harmlosen) Blutkrankheit 1x im Monat in der Onkologie für Bluttests und bin im Wartezimmer immer wieder umgeben von Menschen, die aufgrund ihrer Krankheit existentielle Sorgen haben. Vor kurzem war da eine Tochter, die ihre kranke Mutter nervös begleitete. Als sie aus dem Sprechzimmer rauskamen, war sie überglücklich über den positiven Befund ihrer Mama und strahlte vor Freude.
Ich glaube am Ende des Tages und unseres Lebens werden wir nicht über die „Hater“ und auch nicht über die „Fans“ nachdenken, die wir nicht persönlich kennen. Dann brauchen wir Menschen, mit denen wir eine Wegstrecke gemeinsam gelaufen sind, an denen wir uns in Konflikten gerieben, mit denen wir gelacht und geweint und mit denen wir zusammen den blauen Himmel angeschaut haben, während wir dem Rauschen der Wellen und nicht des Internets lauschten.
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