Heute morgen hielt eine Schülergruppe ein (freiwilliges) Referat darüber, ob und wie Steve Jobs, der Gründer von Apple, den American Dream verkörpert. Das Referat war wild zusammengeschustert, die Folien offensichtlich von der Canva-KI zusammengestellt – überall waren Apple-Produkte zu sehen, die erst lange nach Steve Jobs‘ Abscheiden erschienen sind – Apple Watch („water resistant!“), iPhone 17 und dergleichen. Eine Schülerin las ohne Blickkontakt brav einen Text vor und hatte Ausspracheschwierigkeiten bei dem Wörtern, die sie wahrscheinlich nicht verstand. Es wurden ein paar biographischen Fakten wiedergegeben, aber wenig hervorgehoben und tatsächlich erzählt (und nicht nur runtergerattert), was das bunte Leben von Steve Jobs besonders macht – seine Exzentrik, sein Scheitern und Wiederaufstieg und seine Detailversessenheit als Chef.

Ich musste nach dem Referat an einen Post denken, den ich vor kurzem auf Substack entdeckte. Dort schrieb ein Autor, dass sich KI-Texte „unbewohnt“ und „seelenlos“ anfühlen:

Der entscheidende Unterschied [zwischen echten und künstlich-erzeugten Texten] liegt nicht nur in Gedankenstrichen und selbstgefälligen Gegenüberstellungen; es ist vielmehr dieses Gefühl von Losgelöstheit, davon, dass der Text unbewohnt wirkt, dass das Geschriebene schwer zu lesen ist, weil der Kommunikation jenes Gespür für Maßstab, Absicht und das, was einem Leser dargeboten wird, fehlt, das menschliches Schreiben vermittelt. (Und wohlgemerkt: Auch ich habe hier gerade mit einer Gegenüberstellung gearbeitet – aber das allein macht einen Text noch nicht zu einem KI-Text.) […]
Vielleicht führt unsere Ablehnung von KI-generierten Texten dazu, dass wir erkennen, dass Worte auf einer Seite selbst eine Art inneres Leben besitzen – oder zumindest besitzen können, wenn, und nur wenn, wir ihnen unsere Seele hingeben …

von Jonathan Rowson (übersetzt) | Quelle

Ich finde, diese Metapher eines unbewohnten Textes bringt es gut auf den Punkt. Man spürt, ob ein Artikel, eine Predigt, ein Referat, eine Geburtstagskarte oder was auch immer wirklich von einem Menschen bewohnt wurde: ob er oder sie sich eigene Gedanken gemacht hat, ob die eigene menschliche Perspektive und Biographie spürbar wird, ob man die Wortwahl, die Beispiele, den Tonfall, die Erfahrung, den Witz oder die Schwere raushört.

KI kann das ziemlich gut simulieren, gerade wenn man sie länger benutzt und sie antrainiert, den eigenen Stil zu kopieren. Ich könnte der KI auch alle meine Blog-Texte geben und ihr sagen, dass sie einen Artikel über KI, Sachsen-Anhalt oder sonstwas schreiben soll und sie würde wahrscheinlich nachdenkliche Texte mit passenden Anekdoten herausspucken, aber sie wären trotzdem nicht von mir. Aber wofür? Braucht die Welt einen Text von mir um des Textes willen? Natürlich braucht die Welt keinen meiner Texte, aber wenn sich schon jemand die Mühe macht und sich die Zeit nimmt, einen Text zu lesen, soll auch die Seele und das Leben vom Autor drin stecken.

Ich habe mal ein paar Texte von mir in die KI kopiert und um Feedback gebeten. Diese schlägt immer wieder das gleiche vor: du musst dich auf eine Zielgruppe konzentrieren, kürzer schreiben, mehr Absätze machen, knackigere Überschriften finden. Ich bin durchaus offen für Feedback und habe auch schon mal sprachliche Korrekturen angenommen und Texte etwas gestrafft oder umstrukturiert, aber an einem gewissen Punkt muss man sich fragen: wie viel davon bin noch ich? Warum soll ich mich auf eine Zielgruppe (und auf welche?) konzentrieren, wenn ich erstmal nur versuche, persönlichen Gedanken Raum und Luft zu geben? Wenn ich der KI das sage, gibt sie mir plötzlich recht und sagt: „Ja, es ist sehr wichtig, dass du deine voice (kurioserweise rutscht die KI manchmal ins Englische, weil das so Begriffe sind, die man dort verwendet) findest. Es ist gut, wenn dein Text edgy ist.“

Es ist verflixt: Erst will sie mich in das Schema populärer Texte drücken, dann wiederum schmiert sie mir in üblicher KI-Manier Honig ums Maul und gibt mir den Klischeevorschlag, dass ich ganz ich selbst sein soll. Die scheinbare Authentizität, die die KI vorgaukelt und künstlich fördern will mit all dem Nach-dem-Mund-Reden, erfundenen Anekdoten und pseudo-persönlichem Schreibstil mit kurzen Sätzen und dramatischen Gegenüberstellungen kann sich zwar täuschend echt anfühlen, aber sie ist nicht das, was Dozenten, Lehrer und auch ganz normale Menschen lesen wollen. Ich kenne niemanden, der freiwillig gerne KI-Kinderbücher (gibt es bei amazon ohne Ende) kauft oder KI-Texte liest – seien es Bücher, Hausarbeiten, Artikel oder eMails. Auch wenn man es nicht immer benennen kann, unbewohnte Texte fühlen sich schal und hohl an.


Aber egal ob Texte nun eine Seele haben oder nicht: Die Leselust und Lesekompetenz nimmt ab. Vor ein paar Tagen wurden die Ergebnisse der neuesten PISA-Studie vorgestellt: wir befinden uns wie gehabt im Sturzflug. Besonders die Lesekompetenz ist stark gesunken:

Es wird moniert, dass Schüler Texte nur noch überfliegen, wodurch häufiger Flüchtigkeitsfehler auftreten:

Die Gründe dafür sind vielfältig und werden gerade wieder heiß diskutiert. Ich persönliche glaube, die abnehmende Lesekultur und Lesekompetenz sind Teil eines größeren Trends, dass sich junge und auch ältere Menschen immer mehr an ein unbewohntes, seelenloses Leben gewöhnen und wenig darauf geben, ob das, was sie konsumieren und auch produzieren, authentisch ist und mit Leben und Seele gefüllt ist. So viel content auf social media ist performativ und zielt auf Reichweite und Effekthascherei ab – Pseudokonflikte, Produktplatzierungen, Polarisierung.

Lesen fördert und erfordert (anders als schnelllebige Medien) Anstrengung, Geduld und eine Offenheit für Begegnungen – mit Charakteren, einer Geschichte, tiefen Gedanken und letztlich mit sich selbst. Für diese Mühen des Lesens kann man im Idealfall mit Resonanzmomenten und tieferem Verständnis belohnt werden. Damit dies gelingt, müssen sowohl das „Material“, also z.B. der Text, als auch der Rezipient, der aufnehmende Mensch, bewohnt und echt sein. Das scheint mir aber zunehmend nicht der Fall.

Das Internet ist mittlerweile so mit KI-Texten, KI-Videos, KI-Webseiten, Bots, Fake-Bildern, Fake-Accounts und dergleichen zersetzt, dass sich viele Orte des Internets roboterhaft und unbewohnt anfühlen. Menschliche Interaktionen im Supermarkt, in Hotlines, in Restaurantketten und anderswo werden zunehmend automatisiert. DIY-Tutorials ersetzen die praktische Hilfe eines Freundes oder Nachbarn. Selbst die Freundschaftspflege reduziert sich zunehmend auf Textnachrichten ohne Stimme, Lebhaftigkeit und Begegnung. Manche dieser Annehmlichkeiten sind durchaus praktisch, man muss sich aber der gesamtgesellschaftlichen Nebenwirkungen bewusst werden – je mehr menschliches Handeln und menschliche Interaktionen durch Maschinen und Bots und tatsächliche Begegnung durchs Texting ersetzt werden, sei es aus Bequemlichkeit, Effizienz oder Gepflogenheit und je mehr die KI diese Muster aufgreift und selbst reproduziert, desto mehr werden Menschen zu Bots und Bots zu Menschen, wie Samuel James in „Planet of Bots“ beschreibt.

Ich glaube noch nicht mal, dass sich viele Menschen bewusst für einen maschinellen Lebensstil entscheiden, es ist aber einfach der naheliegendste und bequemste Weg, der – angeregt durch die Umgebung und die verführerischen Möglichkeiten – nach und nach eingeübt und dann weiter reproduziert wird.

In der Schule wird gerade in höheren Klassen, wenn man nicht aufpasst, zunehmend ein seltsames Spiel gespielt, bei der Schüler künstliches Wissen vorgeben, die Lehrkraft es nicht nachweisen kann und den Wortsalat der Schüler ohnmächtig durchgehen lässt und selber vielleicht vor Ermüdung, Vorgabenfülle und anderen Gründen einen Unterricht vollzieht, hinter den man sich selbst mit seiner Person nicht hinterstellt und froh ist, wenn das Schauspiel vorbei ist.

Es braucht Mut, diese Farce zu durchbrechen. Man muss seinen Unterricht und seine eigene Lehrerrolle „ownen“ (bewusst einnehmen) und auch unbequem werden, wenn man klar und konsequent wird und Halbherziges und Halbgares nicht vorschnell durchwinken. Ich muss das Gestöhne aushalten, wenn ich einen langen Text und fürs Lesen die erforderliche Ruhe einfordere. Irgendjemand muss anfangen, das Lesen und die Konzentration anzuregen und auch einzufordern. Wie Jeannette Otto in ihrem Zeit-Artikel treffend schreibt, bringen uns gebetsmühlenartige Verweise auf das „ominöse System“ nicht weiter. Natürlich kann und sollte die Politik bessere Rahmenbedingungen fürs Lesen und Lernen setzen, aber aber Ende des Tages müssen wir selber (Lese-)Vorbilder sein, Persönlichkeit zeigen, uns angreifbar machen und letztlich das tatsächliche Lesen (und auch das sonstige Lernen) einfordern – am besten die Eltern, aber dann auch wir Lehrer. Ansonsten sind die Klassenzimmer und Kinderzimmer zwar physisch bewohnt, aber nicht wirklich mit Seele und Gedankenarbeit gefüllt.


In den Ferien bekamen wir mehrtägigen Besuch, der gerne Fahrradtouren machen wollte. Einen Teil der Touren machten wir zusammen, als wir einen Morgen selbst nicht mitmachen konnten, gab ich noch einige Tipps, welche Ausflugsziele sich an der Weser noch lohnen. Dann bekam ich eine Antwort, dass sie sich schon per KI über mögliche Routen und Ausflugsziele informiert hätten und nun selber unterwegs sein. Diese Begebenheit frustrierte mich ein wenig, weil ich mir dachte: „Ich war jetzt schon 2 Tage euer Fremdenführer und kenne diese Gegend und weiß, wo es schön ist und was sich lohnt. Warum fragt ihr eine KI und nicht mich nach Vorschlägen? Ich wohne hier. Ich kenn mich hier aus. Vertraut mir.“

Ich habe in den letzten 4 Jahren Minden zu meiner Heimat gemacht und kenne das Schöne und Schwierige, die Straßen und Schleichwege und auch einige Barristas mit Namen. Selbst wenn die KIs schöne Tourenvorschläge aggregiert durch die Rezensionen, Reiseblogs und Webseiten von hier wohnenden Menschen und sie wie selbstverständlich als ihre eigenen Tipps ausgibt, wohnt die KI nicht in Minden. Vielleicht ist das Produkt der KI – die Routenempfehlung oder der praktische Ratschlag – das gleiche, als wie es von mir kommt, aber der Prozess dahin ist nicht der gleiche. Vielleicht denkst du dir, dass das am Ende doch egal ist. Ich glaube daran und stehe dafür ein und bewohne diese Position, dass es eben nicht egal ist. Ich glaube, dass der Prozess mindestens genauso wichtig ist wie das Produkt. Dass es darauf ankommt, ob eine Präsentation, ein Text, ein Ratschlag, eine Andacht, eine Therapie, eine Straße oder ein Klassenzimmer bewohnt ist; gefüllt mit Menschen mit schlagenden Herzen, einem lebhaften Innenleben und spannenden Geschichten.


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2 Kommentare

  1. Sönke Kirsch

    Vielen Dank für deinen „lebendigen Text“. Bitte frage nicht die KI fpr Feedback, sondern echte Menschen. Ich habe deinen Gedanken in einem Rutsch gelesen und finde mich sofort wieder!!

  2. Danke dir Sönke! Keine Sorge, meine Texte kommen von mir. Ich habe mal mit KI-Feedback experimentiert, aber hab mich entschieden mir grundsätzlich treu zu bleiben. Für kleine sprachliche Korrekturen (z.B. Tippfehler oder Rechtschreibfehler) ist KI ganz hilfreich, aber ansonsten bin ich bei der Textproduktion von KI sehr skeptisch und zurückhaltend.
    Danke fürs Lesen und deine Ermutigung 🙂 Ganz liebe Grüße!

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