Ich habe schon einige Datenschutzbelehrungen an Schulen erlebt und eine davon ist mir lebhaft in Erinnerung geblieben. Der Datenschutzexperte benutzte ausnahmsweise ein analoges Beispiel, welches ich doch recht skurril fand: Er fand es bedenklich, dass in den 5er-Klassenräumen Profile von Schülern mit Foto, Lieblingsfarbe, Lieblingsessen und dergleichen hängen würden. „Stellen Sie sich vor, da läuft ein fremder Mann durch die Schule, schaut sich die Steckbriefe an und nutzt diese Informationen zu seinem Vorteil. Er könnte mit einem Wagen an einem Kind vorbeifahren und ihm dann sein Lieblingsessen [z.B. ein Stück Pizza Hawaii] anbieten und schon steigt das Kind ein.“ Ich war beeindruckt und verstört von der Vorstellungskraft; auf solche Ideen muss man erstmal kommen. Worst-case-Szenarien wie diese schnüren und verstärken die latent vorhandenen Ängste, die Interaktionen zwischen Erwachsenen und Kindern schon im Vorfeld belasten und verhindern.
Natürlich gibt es leider in dieser Welt einige creeps, Perverslinge und andere gefährliche Menschen. Die Epstein-Files haben grausame Erkenntnisse von systematisch-verdecktem Missbrauch Minderjähriger durch Erwachsene aufgedeckt. Aber auch im deutschen Kleinbürgeralltag finden furchtbare Dinge statt: Ich habe einmal für die christliche Hochschulgruppe SMD Münster einen Vortrag mit den Eltern des entführten und ermordeten Jungen Mircos aus Grefrath moderiert. Die Sprachlosigkeit und Betroffenheit im Audimax, als sie von ihrem Umgang mit ihrem Verlust erzählten, kann ich noch bis heute nachfühlen.
Ja, es gibt also reelle Gefahren und das, was ich gleich vorschlagen werde, soll diese Gefahren nicht kleinreden. Eine gewisse Vorsicht bleibt geboten. Aber ich glaube, eine überzogene Vorsicht und andere Faktoren wie das Leben in Generationssilos und auch eine zunehmende soziale Lethargie haben meiner Beobachtung nach etwas vermindert, was ich für wichtig und hilfreich halte: natürliche und gesunde Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen, die nicht nur die Eltern sind.
Die Erwachsenen meiner Kindheit
Warum sind solche Interaktionen gut und wichtig? Auf meinem Blog beantworte ich solche Fragen gerne narrativ, also in Geschichten. Beginnen wir in meiner eigenen Kindheit: in unserem Haus kehrten viele Erwachsene aus und ein, weil meine Eltern stets ein aktives Sozialleben pflegten. Mit einigen Freunden machen meine Eltern seit Jahrzehnten gemeinsame Urlaube und Besuche – so wurden meinen Schwestern und mir Bernd, Rike & Co. sehr vertraut – gemeinsame Kartenspiele, Mahlzeiten und Gespräche führten bei mir zu einem Gefühl von Geborgenheit. Es war und ist schön zu sehen, wie meine Eltern in ihren Freundschaften aufgingen und getragen wurden. Auch mir tat es rückblickend gut, nicht nur gleichaltrige Schüler zu treffen, sondern Menschen mit anderen Berufen, Akzenten und Witzen; die mir anders als Jugendliche, bei denen Popularität und Coolness Akzeptanzfaktoren waren, eine Grundannahme entgegenbrachten.
Einmal habe ich sogar 4 Wochen bei Freunden meiner Eltern gelebt, als ich kurz nach meinem Abi ein Praktikum bei einem Magazin in Hamburg machte, um vielleicht mal als Journalist durchzustarten. Bis heute weiß ich noch von den Tagesabläufen, dem gemeinsamen gesunden Frühstück, den Gesprächen am Tisch, den Schwimmroutinen und der kleinen Ortsgemeinde. Die Großstadt und der Journalismus schüchterten mich kleinen Ostfriesenjunge zwar ein, aber die Zeit bei meinen Gasteltern war wie eine kleine sichere Oase.
Umgekehrt interessierten sich meine Eltern auch sehr für meine Freunde. Waren sie zu Besuch, wurden sie oft erstmal bei einer Tasse Tee und Kuchen „befragt“, bevor es raus oder aufs Zimmer ging. Ich fand das manchmal peinlich, aber es erleichterte tatsächlich ein integrierteres Leben, in dem meine Schulfreunde nicht völlig losgelöst von meinem Familienleben waren. Meine Eltern konnten Namen mit Gesichtern verbinden und meine alten Schulfreunde haben noch später gesagt, dass sie es oft leicht skurril aber auch schön fanden, dass sich fremde Erwachsene so für sie interessierten.
Wenn andere meinen Sohn anlächeln
Jetzt wo mein eigener Sohn immer größer wird, weiß ich es zunehmend mehr zu schätzen, wenn andere Erwachsene sich zu ihm runterbeugen und mit ihm interagieren. Manche bringen ihm zum Lachen, manche scheitern dabei und er fängt an zu weinen, aber das ist okay; sie haben es wenigstens versucht. Letzten Mittwoch, als die Frühlingssonne so richtig rauskam, spielte eine liebe Mutti aus der Krabbelgruppe mit Silas im Sandkasten und als ich da so stand und das aus Ferne in einem Gespräch stehend beobachtete, war ich ein wenig berührt. Es war nur ein kurzer Moment, aber er zeigte mir, dass sich auch andere Menschen phasenweise um meinen Sohn kümmern. Dass wir als Eltern nicht ganz alleine bei dem Projekt Kindererziehung sind. Und auch Silas scheint es zu mögen, wenn andere Erwachsene mit ihm spielen. Bei ungestümen Kindern, die ihm ins Gesicht fassen oder laut schreien, ist er oft ziemlich zurückhaltend, aber bei Erwachsenen, die sich ihm ruhig und warmherzig zuwenden, tankt er auf. Er greift auch oft nach deren Händen und führt sie irgendwo hin.
Manchmal sind es auch fremde Menschen, die ihn beim Spazierengehen anlächeln oder ihm auf dem Spielplatz eine Schaufel reichen, ihn kurz kindgerecht adressieren oder ihm die Nestschaukel anbieten. Solche kleinen Aktionen tragen einerseits zu einem gewissen Grundvertrauen bei ihm und andererseits bei uns zu einem Gefühl von Solidarität unter und mit Eltern bei – wir sind nicht alleine und uns grundsätzlich wohlgesonnen. Das ist nicht selbstverständlich – ich habe genug Eltern kennengelernt, die so mit ihrem eigenen Kind oder mit ihrem Handy beschäftigt sind, dass sie 0 Augen für irgendwelche anderen jungen Wesen haben. Statt bloßer Ignoranz habe ich es sogar lieber, wenn ab und zu auch mal der oft gefürchtete kritische Kommentar von Fremden kommt: „Oh, der ist aber dünn angezogen“. Wenn er von einer Oma in einem nicht allzu aggressiven Tonfall gesagt wird, kann ich die Fürsorge für das Kind daraus hören.
Keine Angst vor Jugendlichen
Fast noch wichtiger als bei Kleinkindern finde ich den Generationenaustausch bei Jugendlichen. Kleine Kinder werden ja oft noch als recht süß empfunden und da rutscht schnell mal ein Lächeln vom Gesicht. Jugendliche, die zum Beispiel mit ihren Eltern in eine Kirchengemeinde gehen oder (illegalerweise) auf dem Spielplatz abhängen, haben vermutlich oft kaum nennenswerten Kontakt zu Erwachsenen, die nicht ihre Eltern, Lehrer, Vereinstrainer oder Jugendleiter sind. Das liegt zum einen an Erwachsenen, die entweder nicht wollen oder nicht so recht wissen, wie sie ein halbwegs unpeinliches Gespräch mit Pubertierenden führen können, zum anderen liegt es aber auch an den Jugendlichen selbst, die in einer peer-Kultur großwerden, in der Erwachsene tendenziell uncool und weird sind und Medien und Gleichaltrige ihnen stets vorzuziehen sind. Aber ich habe schon oft erlebt, dass einige Barrieren abgebaut werden können, wenn ich es zumindest probiert habe, beim Gemeindecafé einige Jugendliche anzusprechen. Natürlich ist es einfacher und entspannter, mit Freunden meines Alters zu reden, aber wenn man keinen Anfang macht, werden sich die Alterssilos nicht auflösen. Ich glaube Jugendliche brauchen empathische und zugewandte Erwachsene, die nicht irgendwas von ihnen wollen – Zimmeraufräumen, Lernen, Performen. Unterricht in Schulen ist auch deswegen oft so schwer, weil Jugendliche Erwachsene als kalt, anstrengend, uncool oder langweilig wahrnehmen. Diese Empfindungen werden sowohl durch soziale Medien und die kulturell dominante peer-Orientierung als auch durch die mangelnde Zuwendung Erwachsener im Alltag befeuert. 1 Peer-Orientierung ist ein modernes Phänomen des Westens (ab ca. 1950), während historisch betrachtet früher nahezu überall und auch heute noch in vielen traditionelleren Kulturen die Orientierung an Erwachsenen der Standard war/ist. Ein hilfreiches Buch zum Thema Orientierung an peers vs. Erwachsenen ist „Hold on to your kids – Why Parents Need to Matter More Than Peers“ von Gordon Neufeld und Gabor Maté
Rebellion oder Beziehung?
Ich habe einige konkrete Schüler vor Augen, die da anders sozialisiert sind: Sie grüßen höflich, sie denken eigenständig und scheinen nicht allen digitalen Trends zu folgen, sie stellen manchmal sogar persönliche Fragen und haben keine latent-antagonistische oder ängstliche Haltung gegen „den Lehrer“. Teilweise kenne ich die Hintergründe dieser Schüler und weiß, wie viel Wert die Eltern darauf legen, dass die Eltern-Kind-Bindung auch im Jugendlichenalter stark bleibt, dass über Lehrer nicht (oder zumindest nicht über die Maßen) gelästert wird und Besuche von anderen Familien und Erwachsenen normaler Bestandteil des Alltags sind. Vielleicht mag der eine oder andere einwenden, dass es doch wichtig für die Entwicklung von Jugendlichen sei, gegenüber Erwachsenen generell und speziell in Bezug auf Autoritäten skeptisch zu sein, auch mal zu rebellieren und mit anderen Gleichaltrigen Gegenkulturen zu bilden. Ich glaube, Rebellion um der Rebellion wegen ist sinnlos und führt nur zu Zerstörung und verschwendeter Energie. Wenn es tatsächlich notwendige Dinge gibt, für die es zu kämpfen gilt, dann steh gerne auf, von mir aus auch gegen „die ältere Generation“ (wobei solche Pauschalangriffe selten wirksam und heilsam sind). Aber unnötige Kämpfe, die vor allen auf mangelnden echten Kontakt zwischen den Generationen und daraus resultierenden Vorurteilen zurückzuführen sind, sind unnötig. Wir sind alle schon müde genug von den Herausforderungen des Lebens. Abgrenzung ist ein normaler Teil der Identitätsbildung, aber oft ist sie auch Ausdruck fehlender Beziehung, an der beide Seiten oftmals nicht ganz unbeteiligt sind.
Mir ist es als Lehrer wichtig, die Schüler an die Welt der Erwachsenen heranzuführen und dies auch durch echten face2face-Kontakt zu ermöglichen. Vor ein paar Wochen sprach ich eine offene Einladung zu einer Lesung der Buchautorin Elina Penner, von der wir einige Buchauszüge zum Thema Migration lasen, aus. Zu meiner positiven Überraschung haben sich tatsächlich fünf Jugendliche gemeldet. Sie waren noch alle nie bei einer Lesung und unsere Truppe hat den Altersdurchschnitt der Lesung erheblich gesenkt. Meine Schüler, die es sonst gewohnt waren, Autoren kritisch zu lesen und deren Werke zu beurteilen, waren auf einmal mit einer im Raum (der nicht die hood ihres Klassenzimmers war) und hörten ihr zu, wie sie aus ihrem Buch las, wie sie ihren Schreibprozess beschrieb und wie sie auf Fragen einging. Besonders stolz war ich auf eine Schülerin, die sich traute, im Q&A-Teil eine echte und gute Frage zu stellen, die sie wirklich interessierte. Nachher wollte meine Schülis auch ein Foto mit der Autorin und quatschten noch ein wenig mit ihr. Sie war ziemlich cool und locker im Umgang mit Jugendlichen und man merkte auch, dass ihr das wichtig war. Diese Situation ist zugegeben etwas speziell, aber ich erzähle sie trotzdem, weil sie sich erst kürzlich ereignete und weil sie zeigt, wie Hemmungen zwischen Jugendlichen und „den Erwachsenen“ abgebaut werden können, wenn die Räume dafür geöffnet werden und Erwachsene auch mit hohem Status nahbar bleiben.
Außerfamiliäre Beziehungen – ein Gewinn für alle
Gesunde außerfamiliäre Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern signalisieren auch Menschen ohne Kinder, dass sie wichtig sind und gebraucht werden: als engagierte Trainer in Vereinen, als Babysitter und Aufpasser in Not, als passionierter Hobbyanleiter, als zugewandte Mentoren, als präsente Patentante oder -onkel, als fördernde Arbeitgeber und Vorgesetzte, als Vermittler an so vielen Stellen der Gesellschaft. Dies wird leider aber oft dadurch verhindert, dass kleine Kernfamilien nur ihr eigenes Familienglück suchen und Hilfe und Einfluss von außen kaum aktiv einladen und oft auch gar nicht wirklich zulassen und sich stattdessen nur auf institutionalisierte, professionelle oder innerfamiliäre Hilfe stützen.
Das Dorf, was es nicht mehr gibt
Das berühmte Dorf, was es braucht, um ein Kind zu erziehen, ist heute im hochindividualisierten und konsumorientierten Westen nicht mehr da. In Elterncommunities wird es zwar oft noch gefordert und herbeigewünscht, aber es existiert allenfalls nur in Versatzstücken: Verwandte vor Ort, ein paar Kita-Freunde hier und dort, vielleicht eine halbwegs engagierte Gemeinde, die in Notfällen aushilft. Das Dorf komplett wiederherzustellen, scheint mir kaum möglich. Aber ein Vorstoß zumindest in die Richtung könnte sein, dass wir die Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern wiederherstellen. Dass andere Erwachsene nicht nur als Bedrohung oder als gefährlicher Fremdeinfluss wahrgenommen werden, sondern als potentielle Entlastung und als ein Signal, das den Eltern zeigt, dass sie nicht alleine sind und Kindern, dass es noch mehr Menschen gibt, die auf sie aufpassen und sich für sie interessieren.
Kennt mein Sohn euch?
Abschließen möchte ich mit einem bewegenden Essay, welches der krebskranker Vater und Journalist Jonathan Tjarks kurz vor seinem Tod 2022 veröffentlichte, in der er die Frage stellt: „Does my son know you“?
Mein Vater starb, als ich 21 war. Bei seiner Beerdigung waren viele Leute, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Sie alle sagten mir, wie leid es ihnen tue, und fragten, ob sie irgendetwas für mich tun könnten. Alles, was ich denken konnte, war: Ich kenne euch gar nicht. Ich weiß von euch. Ich habe eure Namen gehört. Aber ich kenne euch nicht. […]
Einigen meiner Freunde habe ich schon gesagt: Wenn ich euch im Himmel wiedersehe, werde ich euch nur eine Sache fragen – Wart ihr gut zu meinem Sohn und zu meiner Frau? Wart ihr für sie da? Kennt mein Sohn euch?
Ich möchte nicht, dass [mein Sohn] Jackson dieselbe Kindheit hat wie ich. Ich möchte, dass er sich wundert, warum die Freunde seines Vaters immer vorbeikommen und mit ihm Basketball spielen. Warum sie ihn ständig zu sich nach Hause einladen. Warum so viele von ihnen bei seinen Spielen am Rand stehen. Ich hoffe, dass er irgendwann die Nase voll von ihnen hat.
– Jonathan Tjarks, Does My Son Know You? – The Ringer, 3. März 2022 Link zum Original (sehr lesenswert)
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Ich glaube am Ende des Tages geht es darum. Ich möchte, dass Silas nicht nur nach meinem Tod, sondern auch schon vorher Menschen in seinem Leben hat, die für ihn da sind. Natürlich dürfen das auch seine Freunde sein. Aber es liegt auch eine Kraft darin, wenn meine Freunde sich für ihn interessieren, mit ihm spielen, ihm ein gutes Wort sagen, für ihn beten, einen Ausflug mit ihm machen, mit ihm ein sowohl quatschen als auch Quatsch machen. Und wenn ich das selbe auch für die Kids meiner Freunde mache und wenn sie mit ihren Eltern zu Besuch sind, wir nicht nur über Politik und Probleme reden sondern Pizza Hawaii essen und locker miteinander reden ob Ananas auf Pizza überhaupt erlaubt und gut ist und keiner dabei an die worst-case-Szenarien des Datenschutzexpertens denkt, weil wir über Jahre vertrauensvolle und kooperative Beziehungen zwischen Familien und Generationen aufgebaut haben, die flankiert werden von höflichen, aufmerksamen und zugewandten Interaktionen in der Öffentlichkeit; auf Spielplätzen, in Vereinen, Gemeinden und anderswo, wo Erwachsene nicht nur ihren Job machen, sondern zugewandt als Vorbilder, Mentoren und Brückenbauer fungieren. Man wird doch noch mal träumen dürfen.

