Die letzten Tage waren etwas anstrengend, weil wir drei alle am kränkeln waren oder sind. Fieber, Husten, Erkältung und dergleichen plagten uns; zudem ist das Zahnen bei unserem Sohn Silas immer wieder eine ziemlich schmerzhafte Erfahrung, so rot wie seine Bäckchen und so laut seine plötzlichen Schreie sind. Gerade eben ist er auf meinem Bauch eingeschlafen – das Zäpfchen scheint zu wirken. Besonders herzzerreißend finde ich es, wenn er trotz Schmerzen oder Krankheit immer wieder versucht, glücklich zu sein. Wenn er an Orte oder Gegenstände kommt, die ihm gewöhnlicherweise Freude und Ekstase bereitet haben – unser heißgeliebtes E-Piano, die Nestschaukel am Spielplatz und unsere Küchenutensilien – dann merkt man, wie er sich kurz freut und lacht, dann aber der Schmerz doch zu groß wird.
Gewissermaßen sehe ich in seinem Kampf um Freude trotz Schwierigkeiten eine Analogie darin, wie wir Erwachsene mit unseren Grenzen umgehen können. Wenn wir krank sind, fahren wir unser Leben – unsere Aufgaben, den Bewegungsradius, den Stress – zurecht runter und hoffen bald wieder zu genesen. Das Problem besonders bei kleineren Erkältungskrankheiten im Winter ist, dass Krankheit und Gesundheit nicht zwei völlig unterschiedliche Zustände sind wie die binäre Codierung der Informatik: 1= krank; 0= gesund. Sollte ich bei einer verstopften Nase zu Hause bleiben? Kann ich mich noch um das kleine Kind kümmern, wenn ich Kopfweh habe oder muss ich alles auf meine Frau abwälzen? „Reicht“ ein Husten, damit ich den ganzen Tag im Bett bleibe und alles um mich herum vergesse?
Das Leben läuft weiter, egal ob wir krank sind oder nicht. Während die Krankheitsregelungen in Deutschland recht großzügig sind und wir uns beruflich erholen können, schaffen zu Hause besonders kleine Kinder gewisse Sachzwänge – Wickeln, Essen, Nähe usw. – die erfüllt werden wollen, egal wie fit wir uns gerade fühlen.
Oft dreht es sich bei Fragen der Arbeits- und Leistungsfähigkeit um die Einschätzung, wie stark jemand in der Lage ist, noch irgendwas zu tun. Nicht nur bei körperlichen, auch bei psychischen Krankheiten geht es immer wieder um die Kernfrage, wie viel “agency”, also persönliche Handlungsmacht, ein Subjekt hat. Wie viel Schutz, Rückzug und Behandlung braucht jemand und ab wann kann man jemanden erste eigene Schritte zumuten, die die Genesung und Selbstwirksamkeit fördern könnten?
Diese Kernfrage wird je nach politischer Ansicht unterschiedlich beantwortet: Konservative wie Merz vermuten hinter dem hohen Krankheitsstand in Deutschland einige Blaumacher und fordern mehr Eigeninitiative & Zusammenreißen, Progressive sehen eher das System in der Schuld und wollen den Einzelnen durch Wertschätzung und körperliches und seelisches Wohlbefinden schützen. Beides hat seinen Platz, aber am Ende des Tages muss jeder für sich selbst die Frage stellen, wie viel er oder sie gerade leisten kann und wie viel Erholung & Schlaf man braucht. Weder Merz noch ein Hausarzt, nicht einmal dein Partner kann in deinen Körper schauen und genauso fühlen wie du. Symptome können beobachtet & gemessen werden, aber wie schlapp man wirklich ist, kann man nur für sich selbst beantworten.
Natürlich ist die Selbsteinschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit nicht immer präzise. Manchmal habe ich mich zu schwach, oft aber zu stark eingeschätzt: an ein paar Tagen wäre ich besser zu Hause geblieben. In meinem Umfeld und durch Gespräche mit Freunden nah und fern wird mir deutlich, dass Menschen ihre eigene Arbeitsfähigkeit sehr unterschiedlich wahrnehmen. Einige bleiben zumindest aus meiner Sicht bei jeder Kleinigkeit zu Hause und tatsächlich weiß ich auch von einigen Blaumachern, die manchmal einfach kein Bock auf Arbeit haben. Ich kenne aber auch genug Leute, die sich mit heiserer Stimme zur Arbeit schleppen. Es ist wahrscheinlich eine Frage der Gewöhnung, der Körperwahrnehmung, des Pflicht- und Verbundenheitsgefühl zur Arbeit und der Erfahrung, wie gut man sich selbst einschätzt.
Die eigene Leistungsfähigkeit ehrlich einzuschätzen betrifft aber nicht nur Krankheitsfälle. Auch wenn wir gesund sind und soweit „funktionieren“, stellt sich gerade in einer kleinen Familie stets die Frage, wie viel man noch tun könnte und wann es gut ist. Haushaltsführung und -ordnung ist mit einem emsigen Kleinkind ein never-ending-project und meine Frau und ich sind beide gefordert, immer wieder anzupacken. Wenn ich zu Luise nach der Arbeit sage: „Ich bin so müde, darf ich mich kurz hinlegen?“, dann gibt sie mir diesen Raum fast immer. Wie müde ich wirklich bin und ob ich 30 oder 60min Schlaf und Erholung brauche, das muss ich selber einschätzen. Irgendwann merke ich, dass es unfair wäre, mich noch weiter auszuruhen. Ich bin zwar nicht bei 100%, aber die 80%, die ich habe, kann ich trotzdem meiner Familie widmen, gerade weil Luise garantiert auch nicht bei 100% ist.
Darüberhinaus gibt es immer wieder Gelegenheiten, wo man mit etwas Empathie und Gnade auch über sich hinausgehen kann, um seinen Partner zu entlasten. Wir haben uns die Wochen grob aufgeteilt: Da wir beide arbeiten und Silas noch nicht zur KiTa geht, hat jeder bestimmte Vormittage und Nachmittage, wo wir auf ihn aufpassen. Theoretisch habe ich zum Beispiel in unser Systemlogik das „Recht“, Donnerstagnachmittag für meine Arbeit, Projekte oder einfach nur für mich zu verwenden. Wenn ich dann aber sehe und spüre, dass die Nacht schlecht war und die Kräfte sich bei meiner Frau neigen, dann versuche ich in solchen Momenten auf meine eigene Erholung zu verzichten.
Insgesamt bin ich mit recht viel Kraft und Kapazität gesegnet und das anzuerkennen und damit bewusst zu arbeiten und zu dienen, statt auf eine exakte minutiöse 50-50-Aufteilung zu pochen (obwohl man gerade mehr Kraft hat), ist für mich Teil von Ehrlichkeit und auch gelebten Glaubens. Kraft, Körper und Krankheit ehrlich einzuschätzen ist leichter, wenn man sich und andere als besonders geschaffene Individuen mit unterschiedlichen Kapazitäten begreift (Eph 4,16; Ps 139) und gleichzeitig transparent vor Gott und mit einem intakten Gewissen lebt – das kann helfen, sich und seinem Arbeitgeber oder Partner nichts vorzumachen.
Luise ist jedoch deutlich besser da drin als ich, ihre Bedürfnisse hinter denen von Anderen zu stellen und würde auch niemals darüber große Worte auf einem Blog verlieren. Vielleicht sollte ich auch hier stoppen. Silas schläft noch, aber die Küche muss noch gemacht werden. Ich bin zwar krank und meine Nase läuft ständig, aber das kriege ich noch hin.

