Zwischen Abschiedsschmerz und Zuversicht – Gefühle zum Umzug aus der schönsten Stadt der Welt

Es ist der 31. Oktober 2022. Ein Tag, der sich schon seit Jahren wie die sicher kommende Abenddämmerung nach einem langen Sonnentag schleichend angekündigt hat und nun ganz real wird: Es ist unser und mein vorerst letzter Tag als Bewohner von Münster. Vor ein paar Tagen haben wir schon mit viel lieber Hilfe unsere ganzen Habseligkeiten in einem Transporter an unseren nächsten Wohnort Minden gebracht, sind aufgrund einiger Erledigungen, Verabschiedungen mit Freunden und in der Gemeinde und Luises Examensfeier aber noch mal nach Münster zurück gefahren.

Nach einer letzten Joggingrunde im schönen Herbstsonnennebel & kurzen Gesprächsrunde mit alten Uni-Freunden bin ich an diesem Montagmorgen zurück in der mittlerweile nahezu leeren Wohnung und alleine. Luise verabschiedet sich gerade an ihrer Ausbildungsschule und verteilt Schokolade und ihre schön-gestalteten Dankeskarten, es ist ihrer letzter Ref-Tag. Ich habe Hunger und es ist weder Schokolade noch sonstiges Essen im Haus. Der Kühlschrank ist abgetaut und die Küche, einst ein Ort von kurzen und langen Ehegesprächen, heiteren Geburtstagsfeiern und ausgedehnten Brunch-Morgenden ist nun nackt und leer.

Also entschließe ich mich etwas zu tun, was ich meiner schwer abzulegenden Sparsamkeit sonst nie getan habe: ich laufe zum nahegelegenden Bäcker Jankord am Ende der Straße und kaufe mir ein kleines Frühstück. Ich möchte währenddessen ein gutes Buch lesen, aber es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Immer wieder schweifen meine Blicke durch die Bäckerei und auf die Straße. Es herrscht geschäftiges Treiben: Brötchen und Kaffee werden geordert; einige gehen, andere bleiben sitzen. Drei Bauarbeiter machen Frühstückspause und stecken ihre Köpfe zusammen. Hier und da herrscht beim Bestellen Vertrautheit, „So wie immer?“ – „Ja genau“. Von meinem Platz aus kann ich unsere angestrahlte Teichstraße und sogar unsere Wohnung sehen.

„Was habe ich da getan? Was passiert hier gerade?“ Die vielen Abschiedsmomente der letzten Tage wirken nach all dem Umzugsstress noch einmal nach. Es ist schwer zu realisieren, wen und was man hinterlässt, wenn noch so viel zu tun ist. Aber hier bei meinem Latte Macchiato und meinen 2 Brötchenhälften merke ich schon ein wenig, welche Gefühle so ein Umzug in mir auslöst: Dankbarkeit, Wehmut, Abschiedsschmerz, Verlustängste, banges Hoffen und zarte Zuversicht für den nächsten Lebensabschnitt.

Es ist der 31. Oktober 2022. Ein Bekannter teilt auf WhatsApp, warum seine Familie nicht Halloween feiert. Einige andere erinnern an den Reformationstag und die Bedeutung der vier „Solas“. Früher habe ich auch schon privat und öffentlich Luthers Thesen gedacht, aber dieses Jahr fällt es mir schwer. Zu konkret der Umzug und die örtliche Entwurzelung, die damit verbunden ist. Was 1517 passiert ist, wirkt plötzlich so abstrakt und fern, wenn so große Veränderungen im eigenen Leben anstehen.

„Ist Münster mein Götze?“ frage ich mich. Götze, dieses uralte, alttestamentliche Wort für menschengemachte Holz- und Goldstatuen, wird in der Moderne oft umgedeutet: ”Alles, was dir wichtiger ist als Gott, ist dein Götze”. Geld, Status, Familie und ähnliches werden dann als Beispiele für etwas genannt, was einen überhöhten Platz im Leben einnimmt. Etwas, woran wir unsere Freude und unsere Identität hängen. Ist das bei mir der Wohnort? Meine Lebensumgebung in der „lebenswertesten Stadt“ als Komfortzone? Warum fällt es mir so schwer, loszulassen und Gott auch fürs nächste Lebenskapitel zu vertrauen? Vielleicht, weil die Vorteile dieses Ortes und die Erlebnisse und die Menschen, die ich kenne, so real scheinen.

Ich richte meinen Blick erneut aufs Buch und lese einen Absatz zum dritten Mal. Die Autorin fragt, an was wir wirklich glauben und wie schwer es uns fällt, an Unsichtbares zu glauben und nicht an das, was wir schon kennen und sehen und fühlen und erleben können:

Where is my faith? That I am real. I am made of matter and I experience the world as real matter, touchable and tangible evidence of truths like gravity and temperature and time. In the fact that I am an embodied heart and soul and mind, living and navigating the world God put me in, designed me for, and means for me to flourish within and causes others to flourish within as well. If none of that matters, then why is the world so beautiful and our bodies so tender and our stories so lived? If none of that is intended to inform our faith in God, then why bother? Why not make us robots or angels or nothing at all? […] And so is it any wonder we keep on trusting what we can see and touch and smell and know?

Auf die Frage von Jesus, in was oder wen die sonst so seeerprobten Jünger bei dem großen Sturm ihren Glauben und ihr Vertrauen setzen (Lukas 8), wünscht sie sich eine ehrliche Antwort:

I wonder if Jesus just wished they’d be honest with him about where their faith was. The Jesus I thought I knew back in my Sunday school days wanted the right answer: „In you, Jesus! Our faith is in you!“
But the Jesus I know now, midway through my life, just wants the true answer: „I want it to be in you, Jesus, but if I’m honest, it’s in me. And if I’m honest, I’m still a little confused as to why you’d make me a human body with all these senses if you didn’t want me to put  a little faith in them at times. It seems to me it would have been simpler if you hadn’t given me the option to put my faith elsewhere. It would have been easier if you’d just made it plain.“

– Lore Ferguson-Wilbert, A Curious Faith, S. 136-137

Vielleicht ist das in dieser Umbruchsphase meine Herausforderung. Nach vorne zu schauen, obwohl meine Sinne, Erinnerungen und Gedanken noch im hinten verhaftet sind. Zu glauben, obwohl ich die Entfaltung des Neuen noch nicht sehen kann. Zu vertrauen, dass der Sturmstiller auch meinen Gedankenwind beruhigen kann.

„Sola Fide“ – allein der Glaube. Eine von Luthers Kernthesen, dass nicht das Vertrauen in das eigene Tun, sondern nur der Glaube an Jesus zählt, erscheint an diesem 31. Oktober 2022 nicht so sehr wie eine reformatorische Proklamation, sondern wie eine leise Frage an mich: „Wo ist dein Glaube?“

2 Kommentare zu „Zwischen Abschiedsschmerz und Zuversicht – Gefühle zum Umzug aus der schönsten Stadt der Welt

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