Das Informatikhirn fürs analoge Leben

Die letzten Monate ist es hier auf dem Blog leider etwas ruhig geworden. Ein Grund dafür war, neben all der üblichen beruflichen und privaten Betriebsamkeit, dass ich zwischenzeitlich ziemlich viel Zeit in mein kleines Korrekturtool gesteckt habe, welches ich in der illusorischen Hoffnung entwickelt habe, die nächsten Korrekturjahrzehnte für mich und andere Leidensgenossen etwas annehmlicher zu machen.

Allerdings wird sich das Tool bei all der Zeit, die ich schon beim Programmieren verloren habe, selbst bei einem Renteneintritt mit 75 wohl nie amortisieren. Immer wieder habe ich in den letzten Monaten erlebt, wie ich mich stundenlang beim Tüfteln an einer Problemstellung verloren habe und dafür bereit war, auf Schlaf, Essen und teils auch auf Freundschafts- und Beziehungspflege zu verzichten. Umso größer war das Glücksgefühl, wenn ein Formelskript endlich so funktionierte, wie ich mir das vorstellte. Falls dies nicht gelang, dachte ich oft beim Schlafengehen, beim Essen und sogar in Begegnungen noch darüber nach, wie ich aus einer digitalen Sackgasse herauskomme und war schon ganz gespannt, wenn ich einen neuen Lösungsansatz am Computer endlich ausprobieren kann.

Mittlerweile habe ich wieder mehr Distanz zu meinem Tool entwickelt und kann mit einer Mischung aus Faszination und Befremdung auf meine Programmierattacken und -nächte zurückschauen.

In einem Versuch, den vielen Knobelstunden retrospektiv noch etwas Wert zuzuschreiben, dachte ich kürzlich darüber nach, warum ich so stark in selbstgewählten Aufgaben aufgehen und mich fast schon dabei vergessen konnte und ob ich etwas daraus lernen kann.

Binäre Belohnungssysteme

Ich glaube ein wichtiger Grund für meine Besessenheit war der simple Umstand, dass es bei digitalen Problemen so etwas gibt wie „falsch“ und „richtig“ bzw. „funktioniert“ und „funktioniert (noch) nicht“. Während ich mich in meinem geisteswissenschaftlich-geprägten Studium und Schuldienst häufig in „Diskursen“ befinde und verschiedene Ansätze oft ohne befriedigende Lösung nebeneinander stehen gelassen werden, hat das häufig binäre Arbeiten und Denken der Informatik und der Naturwissenschaften einen gewissen Reiz: man arbeitet so lange an etwas, bis es funktioniert. Dieser Reiz begünstigt das „Flow“-Erlebnis, was ich jedoch bei weniger binären Aufgaben wie dem Vorbereiten des Unterrichts oder auch bei privaten Arbeiten wie dem simplen Schreiben einer Geburtstagsnachricht nicht so häufig habe.

Flow auch für diffuse Aufgaben?

Bei dieser Selbstbeobachtung und -erklärung kam mir die Frage, ob sich dieses Belohnungssystem nicht auch auf geisteswissenschaftliche Gebiete oder sogar auf das schwammige und nicht so eindeutige Privatleben übertragen lässt. Ich glaube, dies ist nur möglich, wenn man einen gewissen Wertekompass entwickelt und auch eine entsprechende Selbstdisziplin aufbringt, diesen immer wieder vor Augen zu haben.

Schönheit und Menschsein

Beim Wertekompass denke ich vor allen Dingen an Werte, die man grob zusammengefasst mit „Menschsein“ und „Schönheit“ umschreiben kann:

  • Der Wert der Schönheit: Schönheit entsteht für mich im Kontext von geisteswissenschaftlichen Arbeiten wie dem Schreiben einer Hausarbeit, der Korrektur einer Klausur oder dem Vorbereiten einer Andacht vor allen Dingen dann, wenn sich das Produkt am Ende „rund“ anfühlt: z.B. wenn das Gefühl entsteht, die Essenz eines Themas gut herausgearbeitet zu haben oder die Leistung eines Schülers im Kern erfasst zu haben. „Rund“ heißt nicht unbedingt perfekt, sondern passend. Immer wieder begegnet mir diese Form der Schönheit: wenn jemand die richtigen Worte bei einer Rede findet, wenn ein Musikstück oder ein Film genau die Gefühlslage einer bestimmten Situation ausdrückt oder wenn die Einrichtung einer Wohnung oder die Zusammenstellung eines Gartens in sich stimmig ist. Schönheit im Sinne von Stimmigkeit ist sicherlich auch subjektiv, aber ich glaube tatsächlich spür- und greifbar, wenn auch oft unbewusst.
  • Der Wert des Menschseins: Menschen sind als komplexe und geliebte Geschöpfe unendlich wertvoll und stecken voller Sehnsüchte und Mysterien. Menschsein in diesem Sinne bei sich und seinen Mitmenschen zu begreifen, schafft eine Grundlage dafür, Neugierde und Freude dabei zu entwickeln, Menschen kennenzulernen und sich in Gesprächen so lange zu verhaken, bis sich das Gefühl einstellt, sich wirklich begegnet, wahrgenommen und in seinem Wirken, in seinen Motiven und seinem Denken verstanden zu haben (selbst wenn man dabei anderer Meinung ist).

Die Disziplin, die richtige Brille zu tragen

Diese Werte klingen hoffentlich erstmal „schön“ und erstrebenswert, aber ihre Umsetzung in die tägliche Lebenspraxis erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Die eindeutigen Belohnungssysteme im digitalen Bereich sind oft viel verlockender, als an einem stimmigen Unterrichtskonzept oder Blogpost zu werkeln oder sich auf eine schwierige Unterhaltung mit einem Mitmenschen einzulassen. Es ist (für mich) oft viel leichter, trotz Müdigkeit bis nachts 1 Uhr an einer Programmieraufgabe zu sitzen als bis zur selben Uhrzeit ein Gespräch mit einem lieben Menschen zu führen. Ich selbst muss mir immer wieder vergegenwärtigen, dass ich Schönheit suchen möchte und bewusst in Beziehungen gestellt bin, dass jeder Mensch ein Geheimnis bildet, welches man ein Stückweit kennenlernen kann. Es ist fast wie neue Brille, mit der man die Welt und seinen Alltag betrachten kann und ich lass sie leider oft morgens an meinem Nachttisch liegen.

Weil es mit der Selbstdisziplin bei mir nicht immer so weit her ist, bin ich dieses Pfingstsfest dankbar dafür, dass Christen den Heiligen Geist in sich am wirken haben, der uns immer wieder an die richtigen Prioritäten erinnert und uns in einen Flow versetzen kann, in dem es sich lohnt, sich selbst zu vergessen.

2 Kommentare zu „Das Informatikhirn fürs analoge Leben

  1. Wie schön !! Hab den Artikel sehr gern gelesen und schließe mich deinem Nachdenken über Schönheit/Stimmigkeit an. So geht es mir dann doch oft mit geisteswissenschaftlichen Produkten … und gibt Mut sich auch da in ein produktives Schaffen zu stürzen.

    1. danke liebe Alex, du Schafferin von Schönheit in Musik, Poetry-Texten, Fotografie und vielem mehr! Ja, das macht es wirklich, ich selbst brauche diese Erinnerung aber immer wieder, um mich da hineinzustürzen.
      Zu Schönheit hat Hartl auch ein „schönes“ ( 😉 ) Kapitel in „Eden Culture“, das hat mich teilweise auch beim Schreiben dieses Artikels inspiriert.
      Hab eine gesegnete neue Woche 🙂

Ich freue mich sehr über jegliche Reaktion - egal ob kritisch, ermutigend oder ergänzend :)