Marbeck

Es war einmal ein friedliches und glückseliges Dorf im fernen Auenland, weit weg von den bösen Machenschaften Saurons. Die kleinen Leute lebten einträchtig und unbekümmert in den Tag hinein, feierten Feste und lebten im Einklang mit sich selbst und ihrer Umgebung.

So ähnlich stelle ich mir das Leben in Marbeck, einem kleinen Dorf im westlichen Münsterland, vor. Ihr kennt Marbeck nicht? Ich bis vor ein paar Jahren auch nicht. Doch dann tauchten jedes Jahr etliche Marbecker Jungs und Mädchen auf einem Zeltlager auf, bei dem ich seit vielen Jahren mitarbeite. Sie kamen immer in Gruppen: Schulfreunde, Fußballkameraden oder Nachbarschaftscliquen meldeten sich zusammen an. Es schien, als ob es jedes Jahr mehr wurden: In Marbeck erzählte man sich vom Sommerlager, mehr Freunde meldeten sich an und so waren nahezu in jeder Zeltgruppe die meist lauten und fröhlichen Marbecker vertreten.

Meist sind die Kids und Teens auch leicht zu erkennen: sie kommen, Jungs wie Mädchen, in den Farben ihres Fußballvereins, FC Marbeck. Sie tragen schwarze Pullis mit gelbem Logo (siehe Bild) oder andere Sportanzüge des gleichen und einzigen Vereins Marbecks. Sie berichten, dass in Marbeck eigentlich jedes Kind zum Fußballverein geht, weil es sonst wohl nicht viel gebe (außer einem FKK-Campingplatz).

Aber der Verein und das Dorf sind der ganze Stolz der Marbecker. Wagt jemand im Lager am Mittagstisch ein schlechtes Wort gegen ihre Heimat auszusprechen, ertönt zur Verteidigung ein Gegröle aller versammelten Marbecker nebst „Marbeck“-Rufen. Sinkt die Lautstärke wieder etwas und fragt man sie etwas zu ihrem Leben zu Hause, erzählen viele von Landwirtschaft, Outdoorabenteuern, Dorffesten, Nachbarschaftsgeklüngel und Berufsplänen, die größtenteils auf die Heimatregion konzentriert sind. Für manche modernen Trends, Wehwehchen und das Bling-Bling der „Stadtmenschen“, wie ich neulich bezeichnet wurde, haben sie dagegen eher wenig übrig.

Ich war noch nie in Marbeck und alles, was ich schreibe, fußt auf meinen Begegnungen mit Marbecker Teenagern in entspannter Ferienzeit. Es ist gut möglich, dass ich das Leben in Marbeck romantisiere, schließlich muss auch dort malocht und gepaukt werden. Trotzdem finde ich es bemerkenswert, dass sich zu unserem Zeltlager deutlich mehr junge Menschen und Menschengruppen aus dem 2500-Seelendorf Marbeck anmelden als aus der mit 315.000 Einwohnern großen Regionalmetropole Münster. Das mag an vielen Faktoren und Alternativen liegen. Die Münsteraner Schüler sind in den Ferien gewiss woanders unterwegs, vielleicht Individualurlaub mit ihren Eltern, Sprachschulen oder auf Lagern und Freizeiten in der Ferne.

Ich mag Münster sehr und liebe es, in dieser großen, bunten und freundlichen Stadt zu leben. Und doch muss ich zugeben, dass das kleine Marbeck einen Eindruck bei mir hinterlassen hat. Zusammenhalt, Überschaubarkeit, Heimatverwurzelung, fröhlicher Lokalpatriotismus und eine eher unbedarfte Haltung können wir glaube ich alle mehr gebrauchen, egal ob in Marbeck, Münster oder München.

4 Kommentare zu „Marbeck

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