Wenn über die Gefahren der digitalen Medien gesprochen wird – von „digitaler Demenz“, Dopaminsucht und „Smombies“ – dann wird im öffentlichen Diskurs fast ausschließlich von Smartphones ausgegangen. Das ergibt durchaus Sinn: immerhin sind diese kleinen Dinger immer verfügbar und stets nur einen Griff in die Hosentasche entfernt. Auch ich habe meine Nutzungsprobleme mit dem praktischen Alleskönner und habe mehr als einmal versucht meine Gewohnheiten in Bezug auf mein iPhone zu verändern.

Doch damit ist es bei mir nicht getan. Denn es gibt da noch ein größeres Gerät, welches teils auf ähnliche, teils aber auch auf ganz besondere Art eine Art von Macht auf mich ausübt: mein MacBook.

Als mein letztes MacBook nach über 6 Jahren langsam seinem Dienstende näher rückte und mehr Sperenzchen machte – zuletzt ging der Bildschirm nur noch in bestimmten Aufklappwinkeln (#Flexgate) – da musste bzw. erlaubte ich mir, ein neues zu besorgen. Während ich diese Anschaffung mit Luise besprach, sagte sie mir: „Ja ich versteh, dass du ein neues brauchst – du bist mit deinem Laptop ja fast schon verwachsen. 

Diese Aussage machte mich stutzig. Ist es schon so weit gekommen? Was Luise meint ist, dass ich tatsächlich oft dann, wenn ich im Alltag freie Zeit habe, automatisch zu meinem Schreibtisch schreite und irgendwas an meinem Computer mache. Manchmal stoppt sie mich und fragt, was ich jetzt eigentlich machen will. Das ist eine gute Frage, die ich nicht immer befriedigend beantworten kann. Sicherlich, manchmal mache ich sinnvolle Aufgaben und arbeite für die Schule, beantworte an meinem bequemen Schreibtisch eMails und Nachrichten oder erstelle „content“. 

Aber oft ist es gar nicht eine Aufgabe, sondern eine bestimmte Haltung, die mich den Laptop aufklappen lässt. Ich liebe das Gefühl, sich an meine „work Station“ mit Laptop, Bildschirm, Trackpad usw. zu setzen und sich mächtig dabei zu fühlen, meine verschiedenen Apps zu starten, mehrere Fenster nebeneinander zu sehen, 12 Tabs im Browser geöffnet zu haben und irgendwelchen „wichtigen“ Dingen nachzugehen und wie ein NASA-Ingenieur Kontrolle über mein Leben auszuüben. Die ganzen Möglichkeiten, die ein Laptop mir bietet, geben mir das Gefühl, am Schalthebel zu sitzen und alles irgendwie klug und systematisch zu regeln. Ich habe verschiedene „workflows“ etabliert, meine Familie und Freunde sind in der Fotoapp mit Gesichtserkennung getaggt, meine Schuldateien und Privatdokumente sind ausgeklügelt in Ordnern und Verknüpfungen auf der Festplatte und im Cloudspeicher gesichert und wenn in meinen Apple-Universum mühelos vom iPhone auf den Mac etwas kopiert und eingefügt wird, dann werden in mir Dopamingefühle ausgelöst, die wohl nur ein digitaler Alman empfinden kann. Selbst für die lästigen Klausurkorrekturen habe ich in mühevoller Kleinarbeit ein kleines Korrekturtool geschrieben, damit ich dieses „Ungetüm“ besser beherrschen kann.

Das Ordnungsglück, was ich hier beschreibe, ist nicht unbedingt etwas Neues. Auch schon früher haben – in meiner Beobachtung vor allen Dingen Männer – große Freude daran entwickelt, eine funktionierende Systematik zu entwickeln. Mein Papa z.B. druckt seine eMails gerne aus und hat für alles und jeden Ordner in seinem Büro. Manche andere lieben es, ihre Haushaltsausgaben penibel zu dokumentieren und dann in schönen Graphen zu sehen, wie sich ihre Lebensmittelausgaben entwickelt haben. Wiederum andere freuen sich an der ausgeklügelten Organisation ihrer Zimmer und freuen sich entsprechend über jeden neuen IKEA-Katalog. 

Die digitalen Tools geben dem uralten Ordnungsdrang bestimmter Persönlichkeitstypen jedoch ganz neue Möglichkeiten, alles zu regeln und erfassen – seien es die Schrittzähler am Armband oder die ToDo-Apps auf dem Smartphone. Bei mir ist es wie gesagt vor allem der Laptop, der mich manchmal wie ein kleiner „Gott“ fühlen lässt, der sein Leben nun beherrschen kann.

Die Werbung für das neueste MacBook drückt diese „Herrschhaltung“ gut aus. Eine Frau bekommt plötzlich dutzende Arme und kann ganz Vieles gleichzeitig tun. Die Hände eines Nutzers werden elektrisiert, als ob er ganz neue magische Kräfte bekommt, seinem Leben Kraft zu verleihen:

 

Trotz dieser vielversprechenden Werbung bleibt ein Laptop ein Laptop und verleiht uns nicht mehr Arme und Hirnzellen. Denken, entscheiden, prüfen, gestalten und schlafen müssen wir schon noch selbst. Und so habe ich, als mein neues M3-MacBook endlich kam und ich wie ein kleiner Junge mit Freude geöffnet und aufgeklappt, erstmal gebetet. Gebetet dafür, dass ich nicht zu viel von diesem Gerät erwarte, was mir zwar Vieles ermöglicht, aber am Ende doch eigentlich nur ein Hilfsmittel dabei sein sollte, die wirklich wichtigen Dinge zu tun – Beziehungsarbeit mit Schülern und Freunden, das Verfassen von Texten, das Treffen von wichtigen Entscheidungen, das Planen von Terminen und das Leben am Herzschlag Gottes.

Es gibt eine etwas seltsame Bibelgeschichte, in der ein „unreiner Geist“ sich ein neues Zuhause sucht. Er findet eines in bester Ordnung:

Ich will in mein Haus zurückkehren, aus dem ich gegangen bin. Und wenn er kommt, findet er es leer, gesäubert und geschmückt. – Matthäus 12,44

Ich reiße diese Analogie mal bewusst etwas aus dem Kontext, um folgenden Punkt zu machen: Das Haus war perfekt geordnet. Alles hatte seinen Platz. Alles blitzte schön sauber und sogar geschmackvolle Deko war vorhanden. Und doch war es leer. Ordnung ohne Leben ist Leere. Ein ordentliches Haus ohne Liebe und Freude hat keine Kraft. Ordnung ist eben nur das halbe Leben. Die andere Hälfte – das Leben in Fülle – kann mir kein MacBook, kein Ordner und kein IKEA-Möbelstück schenken.


Entdecke mehr von Frühlingsleben

Subscribe to get the latest posts sent to your email.

2 Kommentare

  1. I am also addicted to my laptop and i like to sit in front of it with many tabs open while feeling busy:)

Ergänze den Beitrag gerne mit deiner Perspektive