Wann schauen wir wohl am häufigsten in die Wetterapp? Vor dem Urlaub? Vor dem Aaseepicknick, OpenAir-Konzert oder einem anderen Outdoor-Event? Bei mir war es wohl kurz vor der Hochzeit 2019. Kaum ein Tag, abgesehen von Examensprüfungen, wird wohl so minutiös geplant wie dieser, schließlich feiert man ihn (allein schon angesichts der mühseligen Vorbereitungen) in der Regel nur einmal im Leben. Zu einem möglichst perfekten Tag sollten natürlich auch Sonnenschein und blauer Himmel gehören und so checkte ich mind. 14 Tage vorher täglich die Wetterprognose. Sie schwankte zwischen Sonne, Wolken und Regen, daher musste ich mir zwangsläufig mehr Gewissheit mit verschiedenen Wetterdiensten und -apps einholen und mit zunehmender zeitlicher Nähe verglich ich natürlich auch die stündlichen Vorhersagen, Regenwahrscheinlichkeiten und dergleichen. Obwohl unsere Hochzeit dank festem Gemäuer gar nicht so sehr vom Wetter abhängig war, wollte ich irgendwie sicherstellen, dass nicht nur das Brautpaar, sondern auch die Sonne lacht. Eine Regenhochzeit passte nicht in mein Bild eines schönen Festes. Und so checkte, verglich und betete ich in banger Erwartung.

Am Ende des Tages bzw. inmitten dessen war das Hochzeitswetter eine bunte Mischung aus Starkregen und Gewitter (passenderweise während der Kirchentrauung), strahlendem Sonnenschein und lauer und „bereinigter“ Sommerluft. Wir haben den Tag genossen und die äußeren Umstände genommen, wie sie kamen.

Was bleibt einem auch anderes übrig? Rückblickend frage ich mich, ob der tägliche und leider auch teils stündliche Wettercheck vorab nötig und hilfreich war. Statt meiner Energie dem vergeblichen Versuch zu widmen, das Wetter durch bloßes Anschauen einer Wetterapp irgendwie kontrollieren oder verbessern zu können, hätte ich dem großen Tag auch in dieser Hinsicht etwas unbedarfter entgegengehen können.

Natürlich ergibt es in manchen Fällen Sinn, Wetterprognosen zu prüfen: erst kürzlich war ich auf einem Zeltlager und musste für eine Wanderung mit Übernachtung auch das nötige Equipment für eine eventuelle Überdachung mitbedenken. Wer in den Urlaub fährt oder fliegt, sollte natürlich auch je nach Wetter lange oder kurze Klamotten einpacken. Ob man einen OpenAir-Gottesdienst oder eine Geburtstagsfete im Park doch noch nach drinnen verlegen muss, kann man dank der Prognosen meistens schon ein paar Tage vorher absehen und entscheiden.

Dennoch möchte ich einwerfen, dass wir abseits dieser praktischen Erwägungen vielleicht manchmal zu lange und zu zaghaft in die Wetterglaskugel schauen. Muss ich einen Spaziergang frühzeitig absagen, weil 50% Regenwahrscheinlichkeit für 17 Uhr angesagt ist? Macht es wirklich (abgesehen von der zu tragenden Kleidung) einen großen Unterschied für eine Wanderung, ob es nun 19 oder 24 Grad ist? Ist eine Hochzeit automatisch „belastet“, nur weil es draußen regnet? Was genau mache ich eigentlich mit der Information, dass es in fünf Tagen etwas bewölkter ist als in vier Tagen?

Als ich diese Woche mit einem Freund den Emsradweg gefahren bin und der Natur stundenlang ausgeliefert war, ermahnte mich mein eigener letzter Blogbeitrag, nicht in jeder Trinkpause die Wetterapp und das Regenradar zu checken. Tatsächlich half dies mir, mich mehr auf das Erlebnis einzulassen und zu entspannen. Ich wusste zwar, dass es am Dienstag gelegentlich regnen würde, aber wir fuhren trotz bedrohlicher Wolkenkulisse los. Als es dann tatsächlich nach einiger Zeit regnete, stellten wir uns (leider in nicht ganz leckfreien) Holzhütten unter, wechselten unsere nassen Klamotten, warteten ab und fuhren weiter, als es wieder trockener wurde.

Ich wünschte mir, ich könnte etwas von diesem gelassenen Prognosenpragmatismus auf der Leeze mitnehmen in andere Lebensbereiche, die von Ungewissheit geprägt sind: Wird Putin den Gashahn ganz zudrehen? Wann ist der Krieg endlich zu Ende? Werden die Hauspreise nun fallen und wir uns irgendwann etwas Heim-artiges leisten können? Werde ich nächstes Jahr noch gesund sein? Ähnlich wie beim Wetter gilt auch hier: je länger etwas in der Zukunft liegt, desto ungewisser die Prognosen. Und genauso wenig, wie wir Wolken wegschieben können, können wir auch die großen Krisen und Ereignisse unserer Zeit nicht einfach lösen oder verändern.

Ungewissheit und Ohnmacht mögen wir aber nicht, zumal wir in einer zunehmend beherrschten, technologisierten und informierten Welt leben. Selbst die Ungewissheit der Coronakrise hat daran glaube ich nicht grundlegend etwas geändert, wahrscheinlich ist das Streben nach Sicherheit und Kontrollierbarkeit eher noch gewachsen. Was können wir also tun? Wir können uns getreu dem altbekannten Motto „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“ etwas auf die oben angeführten Zukunftsfragen vorbereiten, kürzer und kälter duschen, Eigenkapital ansparen, „die Zeichen der Zeit“ versuchen zu lesen (oder es lassen) oder uns präventiv fit halten. Aber dennoch müssen wir angesichts aller Unklarheiten und in unserem begrenzten Menschsein lernen, mit Ungewissheit zu leben, loszulassen und die Zukunft zu nehmen wie sie kommt. Vielleicht ist der Umgang mit Wetterprognosen ja ein kleines Übungsfeld für diese herausfordernde Aufgabe. Eine Hilfe dabei ist mir ein markanter Abschnitt aus der Bergpredigt (Matthäus 6, 25-34), den Jesus so schön, prägnant und weise abschließt:

Darum sollt ihr euch nicht sorgen um den morgigen Tag; denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Jedem Tag genügt seine eigene Plage. – Matthäus 6,34

Manchmal wurden wir doch noch mit etwas Sonne belohnt 🙂

 

Dieser Beitrag ist Teil einer Minireihe über unseren Umgang mit der Wetterapp und Informationen an sich. Hier geht es zu Teil 1: Warum man nur einen Ort eingespeichert haben sollte.


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3 Kommentare

  1. Ulrike

    Wieder ein sehr erfrischender und nachdenkenswerter Artikel!

Ergänze den Beitrag gerne mit deiner Perspektive